Bad Science: Der “trans-Klassifikator”

Aus der Rubrik “american scientists have found out”: “Brain Sex in Transgender Women Is Shifted towards Gender Identity“. Übersetzt: “Das Gehirngeschlecht(1) von trans Frauen tendiert eher zu ihrer Geschlechtsidentität”.

Ach du große Neune! Das Ding qualifiziert sich nicht nur als bad science, sondern meiner Ansicht nach deshalb auch als extremely dangerous science.

Um’s mal kurz zu fassen: Wenn ich das richtig gelesen habe, haben sie ein neuronales Netz, also das was landläufig als “KI” bzw “machine learning” bezeichnet wird, mit MRI-Bildern(!) aus einem offenen Datensatz (also von extern) von 242 cis Männern und 305 cis Frauen trainiert, so dass es anhand der Bilder das parallel dazu trainierte Geschlecht ausgeben konnte.

Das ist noch keine Kunst, denn auf welche Merkmale das Netz anspringt ist nicht klar(2). D.h. es ist ganz wichtig zu wissen, dass dieses Netz nicht “das Geschlecht” erkennt, sondern nur, ob es zu einem Bild mal gelernt hat, was es dazu antworten soll. Die Antworten sind auch quasi nie 100%ig, sondern Schätzwerte (“zu 80% sicher, dass die gewünschte Antwort ‘weiblich’ sein könnte”).

Danach haben sie MRI-Bilder von je 24 cis Männern, cis Frauen und trans Frauen gemacht und dem Netz vorgelegt. OK. Das Netz “klassifizierte” dann laut Aussage im Artikel die “trans Bilder” als “leicht verschoben in Richtung weiblich”. D.h. die Schätzwerte, s.o., lieferten eine solche Tendenz.

Daraus lässt sich aber nicht die Aussage im Titel des Papers ableiten!

Erst mal der gesammelte methodische Unfug:

  • 24 ist keine hinreichende sample size.
  • Es ist nicht klar, was genau das Netz eigentlich als “male” oder “female” einordnet.
  • Die Streuung und die Überlappung der samples ist riesig.
  • Es ist nicht mal klar, was genau die Bilder eigentlich zeigen. Offenbar sind es statische Aufnahmen von Hirnstruktur, keine funktionale Dynamik.

Dann der neurologische Unfug:

  • Die trans Frauen waren zwar vor der HET, aber sich offenbar selbst sicher in ihrer Identität, sonst hätten sie sich wohl nicht zur Teilnahme gemeldet und wären auch ausgewählt worden. D.h. sie orientieren sich im Alltag wohl eher an “weiblichen” Stereotypen. Das bedeutet auch, dass sich ihr Hirn entsprechend anpasst(3) – an was auch immer.
  • Von den cis Trainingsdaten ist der Hintergrund unbekannt, also zB Bildung, etc. Auch nicht, ob sie sich definitiv als cis einordnen. Es könnte also gut sein, dass das Netz zum Beispiel auf minimale Unterschiede in den Alltagsbeschäftigungen reagiert, wie bei den Taxihirnen(3).

Und daraus folgt das gefährliche: Irgendein Heiopei der stable genius Klasse Korte kommt sicher auf die Idee, daraus einen generellen trans Klassifikator machen zu wollen, mit dem dann zukünftig “objektiv” die transness gemessen wird. Dann muss der MDK nur noch in die BGA schreiben, dass ab Transfaktor 0,6 dieses übernommen wird und ab 0,8 jenes, aber wenn es bei deinem Hirn leider nur 0,5 trans oder weniger misst, bist du leider raus, du Fake.

Und das ganze durch eine minimale statistische Abweichung in einer Pixelbeurteilung, von der völlig unklar ist, was genau die eigentlich klassifiziert.

Zu trans und MRI schaut zum Beispiel mal diese beiden Videos.

MaiLab: “Weibliches vs. Männliches Gehirn” und “Die Wissenschaft hinter Transgender“.

Die machen zusammen mit der wissenschaftlichen Diskussion (in den Links) sehr schön klar, wo allein die wissenschaftliche Problematik liegt. Naja, und die möglichen gesellschaftlichen Folgen hab ich ja beschrieben.


(1) “Gehirngeschlecht” ist schon im Ansatz Unfug, denn was auch immer da gemessen wird, ist immer ein untrennbares Konglomerat aus Biologie, Neurologie, Psychologie und Soziologie. Die Benutzung des Gehirns verändert das Gehirn und jegliche “geschlechtlliche” Klassifikation beruht letztlich auf soziologischen Stereotypen, die wir Geschlechtern zuordnen. D.h. wer “weiblich” denken will, verändert das Gehirn zum “weiblichen”. Daraus ist keine Kausalität ableitbar.

(2) es gibt bei solchen ML-Sachen immer mal wieder Überraschungen. Bei Bildern als Trainingsgrundlage bspw minimale, für Menschen nicht erkennbare HIntergrundmuster oder Kennzeichen. Die “KI” achtet nicht auf die Sachinfo, wie es ein menschliches Bewusstsein tun würde, sondern bewertet reine Pixel.

(3) MRI Scans von Taxifahrys zeigen ein “Taxifahrgehirn”. Die Leute kommen aber nicht damit auf die Welt, sondern das Hirn wird durch Übung dazu. Eine Klassifikation vorher, ob eine Person ein Taxifahrgehirn hat, wird notwendigerweise scheitern. Das wäre also ein vollkommen untauglicher Test auf Taxifahr-Eignung, genauso wie ein MRI-Bild ein untauglicher Test auf “transness” ist. Mit oder ohne “KI”.

Die Menschen hinter den Sternchen

Auszug aus einem Vortrag vom November 2021 zum Thema “gendern”.

Bei all den Diskussionen über “*”, “_” und “:” werden häufig die Menschen übersehen, um die es geht. Mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben, welche Ausgrenzungen eigentlich abgebaut werden sollen und wie absurd einige Gewohnheiten und Annahmen sind, bei denen die Sprache nur ein Schritt zur Sichtbarmachung ist.

Zu einem Thementag “Gendern” habe ich deshalb einen 12-minütigen Schnellkurs zu den Menschen hinter den Sternchen (TIN1) gegeben.

Das Video kann hier gesehen werden: (Link). Leider ist es noch nicht untertitelt, so dass die Audiospur unerlässlich ist. Das Video steht unter Creative Commons Lizenzvertrag.


1) TIN; trans, inter, nicht-binär – und ein bisschen “divers”.

“Welche Privilegien?”

Cis-binäre Normalitäten

Menschen nehmen häufig nicht wahr, welche Hindernisse und Probleme sie nicht haben, weil die Welt quasi “wie für sie gemacht ist”, nämlich für cis1-binär1-dyadische1 (und natürlich2 auch weiss, abled, autochton, hetero, usw.), oft “die Mehrheit” genannt.

Falls du zu dieser Mehrheit gehörst, kannst du im folgenden mal schauen, welche Privilegien du im Vergleich zu trans, nicht-binären, inter und queeren Menschen geniesst. Nein, das gibt Dir keine Vorteile innerhalb der Mehrheit, aber im Gegensatz zu “uns” brauchst du keine Energie zusätzlich aufzuwenden.

Entscheidend dabei ist, dass diese Privilegien ausschliesslich darauf beruhen, wie du “gelesen” wirst, also wie andere dich einsortieren. Die Probleme und Diskriminierungen entstehen nicht dadurch, wie eine Person ist, sondern wie andere handeln.

Falls du wissen möchtest, welche Aufwände und Widerstände “wir” zusätzlich haben, empfehle ich die “kleine Liste von Regeln und Hürden für binäre und nicht-binäre trans Personen“.

Alltagstätigkeiten

  • Du kannst öffentliche Einrichtungen wie z.B. Toiletten und Umkleiden bei Sport und im Kaufhaus benutzen, ohne Angst vor Anstarren, Beschimpfungen, Beklemmungen, “Falsch hier” Bemerkungen, verbaler und/oder physischer Gewalt, Problemen mit Ordnungpersonen. Du kannst einfach aus einer Laune heraus mit deinen Freund•innen unterwegs sein und weißt, dass es Toiletten gibt, die du nutzen kannst.
  • Du kannst Kleidung, Schuhe, Accessoires kaufen, ohne dass dir der Service verwehrt wird, die Verkäufer•innen sich über dich lustig machen oder du nach deinen Genitalien befragt wirst. Das Angebot enthält ausreichend Auswahl in passenden Größen.
  • Du kannst relativ unaufällig durch die Welt laufen. Du wirst nicht andauernd angestarrt, es wird nicht über dich getuschelt, auf dich gezeigt oder über dich gelacht aufgrund deines geschlechtlichen Ausdrucks. Insbesondere brauchst du wegen deines geschlechtlichen Ausdrucks keine Gewalt zu befürchten.

Behörden und Institutionen

  • Du kannst in Formularen dein Geschlecht bzw. deine Anrede auswählen. Niemand widerspricht deinen Angaben.
  • Niemand bewzeifelt deine Ausweispapiere oder verweigert dir deswegen Dienstleistungen in Krankenhaus, Bank, Post oder anderen Institutionen. Du hast keine Beklemmungen, sie vorzuzeigen.
  • Du kannst davon ausgehen, dass du einen Job bekommst, eine Wohnung mieten kannst oder einen Kredit aufnehmen, ohne dass dir dies aufgrund deiner Geschlechtsidentität/-ausdrucks abgesprochen wird.
  • Du kannst dich bei Sportvereinen anmelden und dich dort Gruppen, Teams oder Ligen zuordnen. Deine Zuordnung wird nicht in Frage gestellt.
  • Sicherheitskontrollen bereiten dir keine Sorgen, aufgrund deiner geschlechtlichen Identität oder deines Körpers falsch behandelt zu werden
  • Falls du Kinder hast bist du in den Geburtsurkunden mit dem richtigen Namen und Geschlecht eingetragen. Kitas und Schulen erkennen deinen Status und Elternschaft problemlos an.

Medizin

  • Deine Identität wird nicht in medizinischen Katalogen geführt (z.B. ICD 10 “gender identity disorder“)
  • Du musst dich keiner umfassenden psychologischen Einschätzung unterziehen, um grundlegende medizinische Versorgung zu erhalten.
  • Du kannst davon ausgehen, dass Mediziner•innen sich mit deinen Themen auskennen und du angemessene Behandlung bekommst.
  • Die Organisation von Praxen, Krankenhäusern und Rettungsdienst kann dich problemlos unterbringen.

Rechtfertigung und Existenz

  • Du musst deine Eltern / Familie nicht von deinem Geschlecht überzeugen und•oder dir erst die Liebe und den Respekt deiner Eltern und Geschwister neu verdienen.
  • Du musst niemanden andauernd daran erinnern den richtigen Namen und die richtigen Pronomen zu verwenden.
  • Du kannst annehmen, dass alle, die du triffst deine Geschlechtsidentität verstehen und nicht denken, du seist verwirrt oder verdammt.
  • Unbekannte Menschen gehen nicht davon aus, dass sie dich nach deinen Genitalien oder deinem Sexleben fragen dürfen.
  • Unbekannte Menschen reden dich mit dem Namen an, den du ihnen sagst und fragen dich nicht nach deinem “richtigen Namen“ (Geburtsname), mit der Annahme, dass sie das Recht haben dich dann so anzureden.
  • Falls du religiös bist hat deine Religion keine Probleme mit deiner Existenz, deiner Identität, deiner Sexualität oder Familienleben.

Repräsentation

  • Du fühlst dich bei allgemeinen Anreden und Anschreiben jeweils mitgedacht und angesprochen.
  • Du findest Vorbilder und Vordenker•innen mit deiner Identität, denen du nacheifern kannst.
  • In Fersehen, Filmen und Büchern werden Menschen deines Genders richtig dargestellt und deine Geschlechts-Identität nicht lediglich in den Fokus gerückt, wenn es um dramatische Handlungen oder Pointen in einem Witz geht
  • Dokumentationen bezüglich deines Genders bezweifeln nicht deine Existenz, deine Berechtigung so zu leben, deinen Anspruch auf Teilhabe und Respekt. Sie stellen dich nicht als Krankheitsbild oder exotische Kuriosität dar
  • Dein Gender wird in Statistiken und Umfragen berücksichtigt

Beziehungen und Sexualität

  • Wenn du eine Person datest, kannst du davon ausgehen, dass sie dich nicht als Kuriosität oder Fetisch ausgesucht hat (z. B. nur um einmal Sex mit einer trans Person gehabt zu haben).
  • Du kannst Orte und Veranstaltungen betreten, die nur für ein binäres Geschlecht sind und wirst nicht aufgrund von trans sein ausgeschlossen. Du musst nicht verteidigen auch Teil von „Queer“ zu sein. Schwule und Lesben werden nicht probieren dich auszuschließen von “ihrem“ Kampf um gleiche Rechte, aufgrund deiner Geschlechtsidentität.
  • Du kannst flirten, unverbindlichen Sex haben oder jede Art von Beziehung eingehen ohne zu fürchten, dass du aufgrund deines biologischen Status’ zurückgewiesen oder attackiert wirst, noch wird es deine•n Partner•in dazu bringen seine•ihre sexuelle Orientierung infrage zu stellen.
  • Wenn du Opfer eines Verbrechens wirst, wird dein geschlechtlicher Ausdruck nicht als Rechtfertigung genutzt (“gay panic“, “trans panic”), noch als Grund die Täter•innen zu entschuldigen.
  • Deine Glaubwürdigkeit als Mann•Frau•Mensch hängt nicht davon ab, wie viele Operationen du hattest oder wie gut dein Passing3 ist.
  • Du wirst auf der Straße nicht als Sex-Arbeiter•in aufgrund deines geschlechtlichen Ausdrucks eingeordnet.
  • Du kannst weiterhin behaupten, dass Anatomie und Geschlecht unumstößlich miteinander zusammenhängen, wenn du mit Kindern darüber redest, anstatt die Komplexität des Themas zu erklären.

1) cis, binär, dyadisch sind das Gegenstück zu trans, a_binär und inter, also Menschen, die mit ihrem bei Geburt zugeordneten Geschlecht zufrieden sind, eindeutig Mann oder Frau sind und körperlich “eindeutig”, was Geschlechtsmerkmale angeht.

2) Viele der Benachteiligungen, Diskriminierungen und Anfeindungen sind übergreifend, d.h. für verschiedene Merkmalsgruppen ähnlich. Ausserdem können Menschen mehrfach betroffen sein, zum Beispiel wenn sie als trans / queer und nicht-weiss o.ä. gelesen werden.

3) “Passing” (engl. “durchgehen”, “(Test) bestehen”) bedeutet, von anderen äusserlich “richtig” einsortiert zu werden, also als “Mann” oder “Frau”, so wie du selbst dich identifizierst. Nicht-binäre Personen können quasi nie “passen“, weil die meisten Menschen gar nicht auf die Idee kommen, weder Mann noch Frau vor sich zu haben.

Linkliste: Broschüren und Sachinfos

Damit ich nicht immer die gleichen Links raussuchen muss  ☺️ Diese Liste wird gelegentlich erweitert und hoffentlich auch gepflegt. Anregungen wilkommen.

Quellen

  • Bundesverband Trans: https://www.bundesverband-trans.de/publikationen/
  • dgti: https://dgti.org/

Basisinfos und Beratung

  • “Trans* ganz einfach – im Job, in der Familie, auf Klassenfahrten – Praxisnahe Infos für Angehörige, Freund*innen und Fachkräfte” (BV Trans) (Link)
  • “Soll Geschlecht jetzt abgeschafft werden? – 12 Antworten auf Fragen zum Thema Selbstbestimmungsgesetz und Trans*geschlechtlichkeit” (BV Trans) (Link)
  • “Trans* mit Kind! – Tipps für trans* und nicht-binäre Personen mit Kind(ern) oder Kinderwunsch” (BV TRans) (Link)
  • “Leitfaden Trans* Gesundheit” (BV Trans) (Link)
  • “Trans*feindliche Mythen – Einige Richtigstellungen” (transinterqueer) (PDF)
  • “Infos zur Hormon-Therapie für trans* & nicht-binäre Menschen – Orientierungshilfe für eine aufgeklärte Entscheidung” (transinterqueer) (PDF)

Selbstbestimmungsgesetz – Materialsammlung zur Diskussion

Frühjahr 2022. Seit die Ampel-Koalition angekündigt hat, das TSG abzuschaffen und ein Selbstbestimmungsgesetz einzuführen, mobilisiert die Gegenseite mit allerlei Behauptungen, die bestenfalls übertrieben, eigentlich aber reine Phantasie sind (merke: Ja, ich bin voreingenommen 😉).

Diese Phantasiebehauptungen schaden trans Personen, ganz unabhängig vom Selbstbestimmunggesetz.

Hier eine Sammlung von Informationen, sachliche, rechtliche, wissenschaftliche, die diese schädlichen Mythen widerlegen. Im Laufe der Diskussion wird die Sammlung erweitert.

Sollte ein Link nicht mehr funktionieren bitte Bescheid geben (jaddy(at)enby-box.de). Ich habe PDF-Versionen der Texte gesichert.

Selbstbestimmungsgesetz

  • Gesetzentwurf GRÜNE 2020 (PDF)
  • Gesetzentwurf FDP 2020 (PDF)
  • “Soll Geschlecht jetzt abgeschafft werden? – 12 Antworten auf Fragen zum Thema Selbstbestimmungsgesetz und Trans*geschlechtlichkeit” (BV Trans) (Link)
  • “Das Selbstbestimmungsgesetz: Antworten zur Abschaffung des Transsexuellengesetz (TSG)” (LSVD) (Link)
  • “Trans*feindliche Mythen – Einige Richtigstellungen” (transinterqueer) (PDF)
  • “Trans*: Hype der Gender-Ideologie und Gefahr für Kinder und Jugendliche?” (LSVD) (Link)

Basisinfos Trans und Stand der Wissenschaft

  • “Trans* ganz einfach – im Job, in der Familie, auf Klassenfahrten – Praxisnahe Infos für Angehörige, Freund*innen und Fachkräfte” (BV Trans) (Link)
  • “Die Sache mit dem Geschlecht” (fluter, Heinz-Jürgen Voß) (Link)
  • “Detransition im Spannungsfeld der öffentlichen Debatte; Berichte von und über Personen, die eine Transition anhalten oder in eine neue Richtung entwickeln, häufen sich. Doch wie viele Menschen wünschen sich tatsächlich eine Detransition? Was sind Gründe dafür? Was bedeuten diese Erzählungen für die Gesundheitsversorgung von trans* Personen?” (Regenbogenportal) (Link)

Medienbeiträge

  • Lila Podcast: “Trans sein und Feminismus: Hintergrund und Diskussion zum Selbstbestimmungsgesetz – mit Tessa Ganserer, Katja Husen, Hagen Löwenberg und Leah Oswald – Was ist das Selbstbestimmungsgesetz? Warum ist es wichtig und wer will es verhindern? Warum sind manche Feministinnen dagegen – sogenannte TERFs – und wie begegnet man deren Argumenten? Was sind die aktuellen Erkenntnisse aus Biologie & Psychologie?”, (Link)

Zu einzelnen Personen

Rezensionen zu A.Schwarzer

  • “9 Kritikpunkte an Alice Schwarzers gefährlichen und falschen Thesen zu “Transsexualität” (LSVD) (Link)
  • “Dieses Buch schadet trans* Personen! Alice Schwarzers neues Buch verbreitet Menschenfeindlichkeit!” (BV Trans) (Link)

Selbstbestimmungsgesetz. Will ich das?

Update: Antworten werden unten angehängt und kommentiert

Auf Twitter äusserte ich die Hoffnung, dass das Selbstbestimmungsgesetz in 2022 endlich Realität wird und bekam darauf folgende DM:

Ein Hoch darauf, dass Frauen dann keine Schutzräume mehr haben, in ihrem Recht auf Versammlungsfreiheit eingeschränkt werden und der Frauensport zerstört wird? Dass Statistiken in Wissenschaft, Medizin und Kriminalität verfälscht werden? Sicher, dass du das willst?

Meine Antwort

Die Bedenken kenne ich und kann ich nachvollziehen bei jenen, die wenig praktische Erfahrungen mit trans Personen haben (bzw sie als trans Personen (er)kennen). Die Erfahrungen aus Ländern mit einem solchen Selbstbestimmungsgesetz zeigen aber, dass die Befürchtungen in der Praxis unbegründet sind. Also zum Beispiel Dänemark, Schweden, Malta, Irland, Island, Uruguay, Argentinien.

tl;dr ein geänderter Personenstand nützt dir nix, um irgendwo einzudringen oder Unfug zu machen. Brauchst du schlicht nicht, macht höchstens tierisch Aufwand und reichlich Folgeprobleme. Die einzigen Vorteile sind richtiger Name und Anrede und dadurch ein gutes Gefühl (für trans Personen).

Mal im Detail:

Zu allererst ist wichtig, was ein Selbstbestimmungsgesetz, wie 2020 von Grünen und FDP jeweils vorgeschlagen, eigentlich regelt und was nicht: Den standesamtlichen Geschlechtseintrag im Personenstand und optional die Vornamen. Sonst nichts. Keine Privilegien, keine rechtlichen Vorteile, keine Eintrittskarte irgendwo.

In Schutzräumen gilt wie überall Hausrecht, und diejenigen, die es ausüben haben eh schon Erfahrung damit, mit Personen unterschiedlicher Vulnerabilität umzugehen und die verschiedenen Bedürfnisse auszugleichen. Ich kenne trans Personen im betreuten Wohnen, wo das mit etwas gutem Willen gut funktioniert hat, aber auch Personen, die im Krankenhaus mit dem Bett auf dem Gang standen, weil es kein “passendes” Zimmer gab. Das ist also eher eine Frage der Ausbildung und Möglichkeiten des Personals dort.

Dass es generell zu wenig Schutzräume gibt ist völlig klar. Die Betroffenen gegeneinander auszuspielen, bzw die einen einfach untern Bus zu werfen, ist aber keine Lösung.

Bei privaten Versammlungen, Veranstaltungen und Orten wie Frauencafés etc gilt ebenso Hausrecht, wie in jedem Club, jedem Lokal und jedem Verein. Ob du da mit einem anderen Namen im Ausweis auftauchst ändert in der Praxis nichts daran, ob du rein kommst und drinnen bleiben darfst[1].

Ganz realistisch wird kein Gewalttäter das Selbstbestimmungsgesetz in Anspruch nehmen, um in Frauenräume einzudringen. Es lohnt einfach den Aufwand nicht, benötigt viel zu viel Vorarbeit und Folgekosten, um zum Beispiel erstmal Papiere auf einen neuen Namen zu ändern, etc., um dann in der Praxis keinen messbaren Effekt zu haben.

Der offizielle Personenstandseintrag ist im täglichen Leben quasi ohne Belang. Ich sage das als nicht-binäre trans Person mit dem Eintrag “divers” seit 2019. Ich muss überall darauf hinweisen und habe ausser der Geburtsurkunde keinerlei Nachweis (steht ja nicht im Perso oder so). In der Praxis werde ich in jedem Fall optisch einsortiert und entsprechend unterschiedlich akzeptiert und behandelt. Das wäre mit jedem anderen eingetragenen Personenstand genau das gleiche. Du kannst als trans Person höchstens beschweren, klagen, was weiss ich, aber wenn die Leute nicht wollen, hast du keine Handhabe.

Das heisst, wer in böser Absicht irgendwo eindringen will, braucht keinen neuen Personenstandseintrag, sondern eher optisches Passing und passende Manierismen, Stimme, usw. Das erfordert den immensen Aufwand einer körperlichen Transition. Ich sage dir aus eigener Erfahrung: Das macht kein Mensch “mal eben so”. Wer es auf Gewalt gegen Frauen anlegt, hat dazu – leider – massiv viele andere Gelegenheiten mit minimalem Aufwand (und ohne sich amtlich als Frau eintragen zu lassen; hallo Männlichkeitsbild).

Dieses männliche Selbstbild verhindert auch, dass sich Männer über geänderten Personenstand anderswo Vorteile verschaffen. So mies es klingt, es hängt an der immer noch in den Köpfen existierenden Hierarchie: Männer oben, Frauen darunter – und nicht-binäre Personen generell ausgeblendet. Also welcher cis-männliche Sportler würde sich per Selbstbestimmungsgesetz einen weiblichen Personenstand holen, um dann Preise abzuräumen, nur um dann den Spott seiner männlichen Kollegen zu riskieren, dass “es wohl bei den Männern nicht gereicht hat”? Welcher cis-Mann würde sich einen Posten per “Frauenquote” holen und dann in der Firma/Amt arbeiten? Machen wir uns nichts vor: Diese hierarchische Denke steckt letztlich dahinter und der soziale Druck regelt.

Statistiken… sind eh problematisch, weil sie in der Regel cis-binär gebaut werden und nicht klar ist, nach was genau sie eigentlich differenzieren wollen. Chromosomen? Körperliche Erscheinung? Amtlicher Personenstand? Selbstverortung? Und zu welchem Mehrwert an Erkenntnis?

Die Frage ist zum Beispiel bei Kriminalstatistiken, welche Taten überhaupt einen Bezug zu bestimmten geschlechtlichen Aspekten haben. Wo ist welches Merkmal entscheidend für Opfer und Täter•innen?

In der Medizin muss eh noch mal anders gearbeitet werden, nämlich nicht pauschal, sondern anhand der für den Fall relevanten Parameter. Geht es um Chromosomen, Organe, Hormone? Ich hab zB das Thema mit der Gesundheitskarte. Da steht ein X für meinen standesamtlichen Personenstand drauf und die Kasse geht nach diesem, nicht nach meinen körperlichen Bedürfnissen. Folge: Ich bekomme keine automatischen Vorsorgeuntersuchungen, obwohl ich eigentlich mehr und andere als früher brauche. Auch wo mein Körper nach der Hormonumstellung jetzt eigentlich anderes tickt ist eine ständig offene Frage[2].

Letztlich ist aber der Fehlerfaktor in Statistiken durch Menschen mit geändertem Personenstand gegenüber der normalen Unschärfe und Fehlern vernachlässigbar, dass wird jede•r Expert•in bestätigen. Sprich: Trans Personen fallen mangels Menge statistisch einfach nicht ins Gewicht[3].

Aktuelle Studien zur Häufigkeit[4] gehen in Richtung 1-3% Menschen, die im weitesten Sinne mit ihrem Zuweisungsgeschlecht Probleme haben. Ein Drittel davon ordnet sich nicht-binär ein. Es ist völlig offen, wie viele davon ihren Eintrag ändern lassen würden, wenn das in D nicht mehr 1500-2000€ kostet und zwei ziemlich invasive, Intimsphäre verletzende Gutachten braucht, die nachweislich gar nichts feststellen können, ausser vielleicht die Fähigkeit, Stereotypen “vortanzen” zu können.

Fazit: Die Befürchtungen verstehe ich, aber sie sind nach den Erfahrungen aus anderen Ländern unbegründet und eventuelles Missbrauchspotenzial in der Praxis gleich Null. Es gibt potenziellen Missetätern einfach keine Vorteile sondern eher Aufwand und Nachteile. Stattdessen können sie sehr viele andere Gelegenheiten nutzen. Schutzbereiche können mit bereits etablierten Methoden gesichert werden. Und der statistische Faktor fällt in der Masse einfach nicht ins Gewicht.


[1] Tatsächlich haben sehr viele trans Personen erhebliche Ängste, in gegenderte Räume zu gehen. Aslo in Toiletten, Umkleiden, usw.

[2] Ein Arzt meinte, ich hätte Eisenmangel, dabei hatte er nur in die falsche Referenztabelle geguckt. Bei der Covid-Schutzimpfung war unklar, in welche Risiko-Kategorie ich falle. Wären meine Symptome für Herzinfarkt eher typisch männlich oder typisch weiblich?

[3] Die Betreuung von trans Personen leidet massiv unter einem Mangel an qualitativ guten Studien, einfach weil nirgendwo eine solide Anzahl von Teilnehmenden zustande kommt. Hormonumstellung ist guess work, usw

[4] s. die [S3-Leitlinie](https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/138-001.html) “Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit”


Gegenargumente, die keine sind

Es gab eine Antwort mit einigen Punkten, wo offenbar einiges missverstanden worden war. Hier die Argumente in Zitaten und meine Antworten dazu.

Das Hausrecht soll nirgends mehr gelten. Jeder wird wg. des geplanten Gesetzes mit  einem Bußgeld belegt, wenn er jemanden aufgrund des Geschlechts nicht reinlässt: Frauen-vereine, -stammtische, -umkleiden,  WCs, -quote, Arbeitsplätze etc.

Dazu der Verweis auf die Passagen Ordnungswidrigkeiten der Gesetzentwürfe von FDP und Grünen. Großes Missverständnis. Hier die beiden Wortlaute:

Gesetzentwurf der FDP
Gesetzentwurf der Grünen

Die Ordnungswidrigkeiten beziehen sich ausschliesslich darauf, dass die früheren Namen und Personenstände nicht ohne Zustimmung genannt, also “offenbart” werden dürfen. Das heisst misgendern, “hiess früher mal soundso”, “war mal …”, etc. könnten dann auf Anzeige mit einem Bussgeld belegt werden. Damit haben Personen eine Handhabe gegen Behörden, Firmen und andere, die sie outen.

Falsch ist außerdem Deine Behauptung, man müsse Hormone und/oder Chirurgie anwenden. Du kannst mit Vollbart, mit Penis und Hoden, ohne irgemdetwas an Dir modifiziert zu haben, zum Standesamt gehen und dein Geschlecht ‘ändern’. Wegen des Bußgeldes von bis zu 2.500 Euro riskiert niemand mehr eine Nachfrage, was übersetzt bedeutet: Jeder, absolut jeder Mann, kann ungehindert in Schutzbereiche für Frauen. Kann man sehr schön im Ausland sehen, dort geschieht genau das.

Das mit Hormonen habe ich vielleicht etwas missverständlich ausgedrückt. Nein, für die Personenstandsänderung braucht es auch jetzt schon keine körperlichen Modifikationen. Das hat das BVerfG 2011 aus dem TSG ausgeschlossen (BVerfGE v. 11.1.2011 I 224 – 1 BvR 3295/07).

Allerdings ging es da nur um die Zwangs-Sterilisation für eine Personenstandsänderung. Auch nach TSG brauchte es (bis 2011) keine Hormone, sondern “nur” eine Genital-OP, um zeugungs- bzw gebärunfähig zu sein.

Grund dafür: Das TSG von 1981 wollte damit und mit der Zwangsscheidung um jeden Preis verhindern, dass trans Personen “durch die Hintertür” eine gleichgeschlechtliche Ehe womöglich mit Kindern haben können. Das hat sich seit der “Ehe für (fast) alle” 2017 eh erledigt.

Was ich mit der Passage meinte: Um sich als cis Mann o.ä irgendwo einzuschleichen, braucht es keinen Personenstand sondern viel eher physische Verkleidung – und das dürfte schnell auffliegen.

Ein Grüner hat den Grünen bei einem Parteitag vorgeführt, wie der Sprechakt in der Realität funktioniert. Es haben Zeitungen darüber berichtet.

Ja. Hat er. Er hat sich als Frau bezeichnet und mit dieser Begründung auf einen (quotierten) Frauenplatz setzen lassen. In der “Emma” hat er dazu einen Artikel geschrieben.

Er wurde nicht gewählt. Kurz danach wurde er aus seiner Stellung als Mitarbeiter einer grünen Landtagsabgeordneten gekündigt.

Das Beispiel zeigt eigentlich genau, was ich meine: In der Realität regelt sich das sehr pragmatisch, bzw wie der eine Kommentar sagt: “Aber das Wahlergebnis habe gezeigt, meint sie, dass die Partei gute Schutzmechanismen habe und nicht einfach irgendwelche Männer gewählt würden”.

Natürlich war die Aktion “Scheisse”. Weil sie ein fiktives Problem deklariert, aber ein reales ausblendet, nämlich wie in der Realität mit trans Personen umgegangen wird: Ein geänderter Personenstand nützt dir in der Praxis gar nichts. Weder um irgendwo rein zu kommen, noch um irgendwo gewählt zu werden – und auch nicht, um als reale trans Person respektvoll behandelt zu werden.

“Gendern” op platt

Plattdüütsch (“Plattdeutsch”) war in weiten Teilen Norddeutschlands die Standardsprache und sogar eine der Hauptsprachen der Hanse. Über die Wanderungsbewegungen ist es mit Englisch und Niederländisch verwandt. Beim Thema “gendern” ist es viel einfacher als Hochdeutsch.

Plattdüütsch kennt statt “der, die, das” nur zwei bestimmte Artikel: “de” (f,m) und “dat” (n). Wie im Englischen heisst es “de Mann, de Vro (Frau), de Jong (Junge), de Deern (Mädchen)” (aber “dat Kind”).

Statt “ein, einer, eines, man” gibt es nur den unbestimmten Artikel “een”, verwandt mit engl. “one” und sehr ähnlich benutzt: “Dat kann een so moken”, “Das kann man so machen”.

Een ist sehr praktisch. “Niemand” wird zum Beispiel wie engl. “noone” zu “keen een” (“keinein”). “Jemand” ist auch “een”. “Kann mi dat mol een verklaren?” – “Kann mir das mal jemand erklären?”.

Der Twitter-Account “De Plattfoorm” (@plattfoorm) hat es in einer Infografik zusammengefasst:

Übersetzung

Gendern auf Platt – So geht das!
1. Teil: Mit Pronomen arbeiten
Neben den zwei geschlechtlichen Pronomen “se” (“sie”) und “he” (“er”) kennt Platt auch “de” und “een”, die immer gehen (funktionieren).
Beispiel: “Ich kenne einen/eine, der/die betrügt” -> “Ik kenn een, de betrüggt”.

Problem: “de” wird “den” nur für Maskulina im Objektfall (Akkusativ):
“De Mann schrifft den Breev” (“Der Mann schreibt den Brief”)
“De Mann süüt de Vro” (“Der Mann sieht die Frau”)
Lösung: Doppelform oder Genderzeichen – de*n | de:n | den oder de (1)
“Wanneer kann ik de*n | de:n | den oder de denn anropen?” (Wann kann ich den_die | den oder die denn anrufen?”)

Nebensätze statt Personalformen auf -er | -sche:
“een, de” (“eine*r, der*die”)
“de, de” (“der*die, der*die”)
“Lüüd, de” (“Menschen|Personen|Leute, die”)

“Koch oder Köchin” – “Ein*r, der*die kocht | in der Küche arbeitet”
“Politiker*innen” – “der*die, der*die regiert | in der Politik ist|sind”
“Reisende” – “Leute|Menschen|Personen, die auf der Reise sind”

Das ist typisch Plattdeutsch und braucht trotzdem keine Änderung zum Gendern.

(1) Stern, Unter-, langen, schrägen Strich, Doppel, Mittel oder normalen Punkt – Hauptsache gendern!

Links:
Wörterbücher: [ndr.de], [platt-wd.de], [neustädter-schuetzengilde.de], [ats-group.de]
[wikipedia op platt]
[plattdüütsche Grammatik en WIki verklart op platt]
[Plattdeutsche Grammatik]

“Herzlichen Glückwunsch, Du hast gerade eine nicht-binäre Person kennengelernt”

Geschätzt über 95% der Menschen da draussen kommen nicht mal auf den Gedanken, dass ihnen weder ein “Mann”, noch eine “Frau” gegenüber steht. Sie versuchen nach Augenschein binär einzuordnen, um eins dann höflich zu behandeln, in der Form, die ihnen zutreffend erscheint.

Das heisst natürlich: immer falsch. Ich werde “ge-herrt”, “ge-fraut”, “ge-sohnt”, “ge-tochtert”.

Deshalb wurde dieser freundliche, kleine Flyer entworfen, mit absoluten Basisinformationen zum Thema, den ich völlig unbedarfte Menschen in die Hand geben kann.

Zahlreiche gute Ideen und Beiträge aus dem Discord “Nicht-binäre Menschen” sind eingeflossen.

(Klick für großes Bild)

Die Druckvorlage kann als Open Document Draw (LibreOffice) und als PDF geladen und verwendet werden. Sie steht unter CC0, d.h. sie darf beliebig kopiert, genutzt und geändert werden.

Die gedruckte Version verschicke ich auch, wenn ich eine Postadresse und die ungefähre Anzahl per Mail an jaddy at enby-box.de erfahre.

Zwei Fragen zu §45b und medizinischen Maßnahmen für nicht-binäre Menschen

1. Wie wird das entschieden ob man körperlich männlich, weiblich oder weder noch ist? Durch die Hormone bin ich ja streng genommen auch nicht körperlich m oder w einzuorden

2. Bekommt eins als nicht-binär GaOp? Oder Hormone?

“Also”, sprach de Großelter und nippte an ens Tee, “das ist so:”
(Disclaimer: Ich bin weder Juristy, noch Mediziny)

Das Gesetz spricht nur von “Variante der Geschlechtsentwicklung” (VdG). Das ist aber kein definierter Begriff. Weder rechtlich, noch medizinisch. Deshalb haben “sie” (das Bundesinnenministerium, BMI) in die Begründung zum Gesetz – die ist Teil des Gesetzentwurfs, der dem Parlament vorgelegt wird – hineingetextet, dass VdG sich auf den “Chicagoer Konsens” beziehen soll.

Dieser Konsens-Katalog wurde 2005 von einem Kongress hauptsächlich US-amerikanischer Kinderärztys(!) festgelegt und umfasst nur Varianten der Gonaden (Hoden, Eierstöcke), Genitalien oder Chromosomen. D.h. er beinhaltet zB nicht etliche hormonelle Varianten, die erst später testbar werden.

Das ist also eigentlich bullshit, selbst wenn nur alle inter Personen gemeint werden sollten.
Anyway, steht so in der Begründung.

Es steht nicht im Gesetz selbst, denn das wäre wohl sofort per BVerfG abgeräumt worden, siehe unten.

Weil es aber nicht im Gesetzestext selbst steht, also in den Paragraphen (45b PStG), weiss das Standesamt das genau genommen nicht, bzw. muss sich nicht so wirklich drum kümmern. Da wird Juristerei interessant *smile*

Das StA muss sich an den Buchstaben der Paragraphen halten, beziehungsweise an gerichtliche Beschlüsse. Sonst nichts. Auch keine “Rundschreiben” des Innenministeriums. Als Landesbehörden schon mal gar nicht.

Deshalb können sie, wenn sie nett sind, ins Gesetz gucken und sagen “ich will nur eine ärztliche Bescheinigung, dass bei dieser Person eine ‘Variante der Geschlechtsentwicklung’ vorliegt. Und wenn das drauf steht, ist das wie und warum nicht mehr meine Sorge”.

Sprich: Das StA darf/muss sich nicht um die medizinischen Details kümmern (weil weder kompetent, noch verpflichtet) und die Ärztys müssen sich nicht um die rechtlichen Details kümmern. Höchstens sollten sie eine plausible Begründung parat haben, weshalb diese Person ihrer medizinischen Anscicht nach eine VdG aufweist.

Und da hat Manfred Bruns (LSVD) damals argumentiert, dass eine wie auch immer geartete trans Geschichte, binär oder nicht-binär, völlig ausreichend sei, denn – wichtiger Punkt: Das BVerfG und sämtliche kompetenten Verfassungs- und Personenstandsjuristys sind sich einig, dass der Personenstand im Register sich auf die gelebte soziale Rolle bezieht und nicht auf die körperlich/medizinische Konstitution. (Siehe dazu auch das Gutachten von Mangold et.al. (PDF))

Deshalb hat das BVerfG ja auch die Zwangssterilisation aus dem TSG rausgeschossen.

Und zum Thema Hormone und OPs:
* technisch/medizinisch: ja,
* bezahlt von den Kassen: schwierig.

Die Medizinys wollen normalerweise eine Absicherung, dass die Behandlung notwendig ist. D.h. in der Regel psychologische Indikation mit Behandlungsempfehlung. Nur damit sie später nicht haftbar gemacht werden können, weil da eins gerade in einer schwierigen Phase war und sich eine nicht hilfreiche Lösung ausgedacht hatte. (Ausnahmen sind gewisse Endos, die sich von überzeugenden Leuten gewissen Alters beeindrucken lassen, die offenbar gut informiert, mit supportiver Partnerperson und Historie der Selbstmedikation auftauchen *flöt*)

Technisch darf jedes Mediziny mit Zulassung für einen Rezeptblock Hormone und alle anderen Medikamente verschreiben. Das ist sogar so irrwitzig, dass sie alles, was nicht direkt der Heilung dient verschreiben dürfen, solange sie fach- und sachgerecht (“nach allen Regeln der Kunst”) darauf achten, dass es nicht schadet.

Normalerweise übernehmen Kassen bei Hormonen auch die Abrechnungen einfach. D.h. da braucht es keine Bewilligungen.

Bei OPs und anderen non-standard Leistungen wird’s knifflig mit den Kassen. Als nicht-binäre Person fällt eins aus dem System, das da heisst Begutachtungsanleitung (BGA) des MDK. Diese BGA haben sich die Kassen und ihr beauftragter Dienst selbst gegeben, in Abstimmung mit dem “Gemeinsamen Bundesausschuss”(GBA) meines Wissens. Da steckt auch das Gesundheitsministerium und andere mit drin.

Die aktuelle Begutachtungsanleitung für “trans” ist von Ende 2020 und sagt explizit, dass sie nicht für Nicht-binäre gilt.

Und das bedeutet: Einzelfallentscheidung. Gutes Therapeuty suchen, de eine sehr gute Begründung für die absolute Notwendigkeit der Behandlung schreiben kann, sich auf Ablehnung einstellen, Widerspruch einlegen, nochmal schreiben, Anwälty einschalten, mit offiziellem Briefkopf schreiben lassen, usw.

Ggf klagen.

Oder: Selbst zahlen.

¯\_(ツ)_/¯

*Zurücklehn*

Fragen? *smile*

Das Kosten-Pseudo-Argument für trans Therapien

In einem anderen Forum wurden mal wieder “die Kosten für die Solidargemeinschaft” aka Krankenkassen-Leistungen angesprochen und Leistungen wie Stimmband-OPs oder Gesichtsfeminisierungen als quasi überflüssig dargestellt.

Dieses – in meinen Augen – Pseudo-Argument der Kosten für die Solidargemeinschaft finde ich immer wieder putzig, aber auch erschreckend. Putzig, weil offenbar die Relation der Kosten für geschlechtsangleichende Maßnahmen im Gesamtbudget des Kassensystems nicht klar sind. Erschreckend, weil die Sprache und Denke, neudeutsch: Narrativ, framing, priming, von rein wirtschaftlich/”liberal” ausgerichteten Interessengruppen reproduziert wird, die auf jeden Fall garantiert nicht solidarisch interessiert sind, sondern aktiv ausgerechnet bestimmte Leistungen verknappen, die tatsächlichen Verhältnisse jedoch verschweigen.

Mal zu den konkreten Zahlen. In D gibt es jährlich ~2000 GaOPs (2018: 1800). Das sind kostenmässig die größten Klopper, right? Kosten pro Fall um 20.000€. Geben wir mal pro Fall noch 5.000€ für Epilation bei trans Frauen drauf. Dazu kommen jene, die es bei einer Orchiektomie belassen bzw. Mastektomie bei trans Männern, was unter 10.000€ kostet (Kostenvoranschlag der UK Essen für Orchiektomie: 9.500€ als Privatzahly inkl. 6 Tage Aufenthalt).

Also übern dicken Daumen gerechnet könnten wir 25.000€ pro Fall annehmen[1] und – ach, was solls – lass mal 3000 Fälle rechnen. Macht in Summe 75 Millionen Euro pro Jahr. Ui! Was für Zahlen. Oder?

Nein. Im Vergleich der Ausgaben der Kassen – mal nur die gesetzlichen betrachtet – findet sich so ein Betrag gar nicht wieder (Quelle: https://www.gkv-spitzenverband.de/media/grafiken/gkv_kennzahlen/kennzahlen_gkv_2021_q1/20210706_GKV_Kennzahlen_Booklet_Q1-2021_300dpi_barrierefrei.pdf):

Ausgaben der GKV 2020 in Mrd. Euro

75 Mio€ sind im Gesamtbudget der gesetzlichen Kassen (239 Mia€) gerade mal 0,031%. Alle Angleichungen zusammen inkl Epilation und allen Schnickschnack machen nur 2,2% der Ausgaben für Zahnersatz aus. Oder 5% der Ausgaben für Schwangerschaften/Mutterschaft (ohne stationäre Entbindungen…). Und dafür wird ein immenser bürokratischer Minimierungsaufwand mit Gutachten, Prüfungen, Bescheiden, Widersprüchen, Anwätys usw getrieben – also Kosten in Form von Geld und Nerven verursacht.

OK, aber die anderen 239 Mia€ sind ja alles notwendige Ausgaben, oder? Kommt drauf an. Zum Beispiel auf die Ursachen. Ich nehm mal eine heraus, die willkürlich und vermeidbar ist: Rauchen.

Eine rauchende Person verursacht im statistischen Mittel der Solidargemeinschaft via GKV viel höhere Kosten:

Insgesamt kostet ein lebenslanger Raucher (ab dem Alter von 15 Jahren) die GKV bis zu seinem Tod 90.483 Euro, eine lebenslange Raucherin kostet 529.481 Euro. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist darauf zurückzuführen, dass Frauen in Deutschland nach wie vor weniger verdienen und ihre Erwerbstätigkeitsquote – und damit die Beitragszahlung zur GKV – deutlich niedriger ist als bei Männern.

https://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/Publikationen/AdWfP/AdWfP_Die_Kosten_des_Rauchens_in_Deutschland.pdf
(gleiche Quelle)

In Summe jährlich 25 Milliarden direkte Kosten. Jährlich! Das wären eine Million komplette Trans-Angleichungen! Pro Jahr!

Diese Kosten stecken zum großen Teil in den 239 Milliarden GKV Budget. Mit anderen Worten: Irgendwas bei 25% der Kassenausgaben gehen in genau ein freiwilliges, vermeidbares, sich selbst und “die Solidargemeinschaft” schädigendes Verhalten. Ich spare mir die Rechnungen für ähnliche Bereiche wie Alkohol, Fehlernährung, Bewegungsmangel, Extremsportarten, risikoreiches Verhalten.

Das heisst: “Die Solidargemeinschaft” trägt eine Menge Folgekosten für persönliche Freiheit und auch krass dummen, risikoreichen Lebensstil.

Und ich bin der Meinung, dass das vollkommen in Ordnung ist! Diese Möglichkeit der persönlichen Freiheit ist sogar Staatsziel.

Von daher lasse ich Kostenargumente gegen freizügigere Bezahlung von Angleichungen nicht gelten. Bei unbedarften Privatpersonen kann ich wohlwollend von Unwissenheit bzgl der Zahlenverhältnisse ausgehen. Anders sieht es aus, wenn ihnen die Zahlen bekannt sind. Dann ist es entweder Ignoranz (“mir doch egal wie es dir geht”), Neid (“da kriegt wer mehr als ich”) oder schlicht Transfeindlichkeit.

Interessengruppen und professionellen Meinungsmenschen, Politikys und Funktionsträgys kann Unwissenheit nicht zugute gehalten werden, wenn sie sich zum Thema äussern. Das gebietet schon die Redlichkeit im offiziellen Diskurs. Ziemlich sicher stecken da andere Interessen hinter. Das sind zum einen wirtschaftliche – mehr Gewinne für Aktionärys – oder eben wieder trans- und queerfeindliche Ansichten, die mit “Kosten für die Solidargemeinschaft” verdeckt und zur Stimmungsmache genutzt werden sollen.

[Disclaimer: Ich habe 28 Jahre als Arbeitnehmy in die GKV eingezahlt und seit 2016 Jahren als Freiberufly. In Summe mehr als 150.000€. Trotzdem habe ich dank des binär augerichteten Systems meine Transition mit bisher ca 20.000€ selbst bezahlt. Die Alternative wäre gewesen, mir jahrelange Auseinandersetzungen mit Kassen und MDK und Gutachtys zu liefern, weil nicht-binäre Transition bisher in keinen Regularien vorkommt. Ich hätte es einzeln mit Gutachten usw. einklagen müssen. Glücklicherweise hatte ich die privaten Ressourcen. Ich neide anderen nichts, was sie von Kassen gezahlt bekommen, denn ich weiss, dass das Geld da wäre.]


[1] nicht gerechnet die eingesparten Kosten für Langzeitfolgen, die durch den Leidensdruck durch eine nicht erfolgte Transition entsteht, zum Beispiel Sucht, psychische Erkrankungen, etc.