Gefährliche Kleinigkeiten

Zwei Dinge nehmen mich gerade ziemlich mit.

Das eine sieht aus wie eine Nebensächlichkeit. In einem gruppeninternen Chat hatte ich – zum wiederholten Male – angemerkt, dass ich mich durch „generisches Maskulin“ ausgeschlossen fühle, ignoriert, nicht mitgemeint.

Es sind immer die gleichen paar Leute, und sie sind nicht bösartig. Das macht es sogar schlimmer. Es sind nette Menschen, „die mich mögen und wertschätzen“, was ich ihnen auch glaube. Die nur eben nicht soweit verinnerlichen, dass mich diese „Flüchtigkeitsfehler“ durch ihre Stetigkeit treffen, und ich nicht sehe, dass sie sich wirklich bemühen, es zu verbessern. Also nicht nur – zum wiederholten Male – beteuern, dass es ja „so neu und ungewohnt“ sei (seit Jahren) und sie doch die ganzen Jahrzehnte „nicht gegendert“ hätten und dass ich doch Geduld haben solle – und sie vor allem nicht „im Gruppenchat vor allen an den Pranger stellen“. Verdrehte Welt.

Und ja, ich verstehe und fühle mit, wenn jemand gerade nervlich stark belastet ist durch viele schwere Sachen und dann mal nicht andere mitdenkt. Kann passieren. Allerdings passiert es auch in guten Zeiten. Einfach regelmässig. Es ändert sich nichts, seit Jahren. Dass das mich nervlich belastet, ist offenbar kein gewichtiges Kriterium, jedenfalls von ihnen aus gesehen.

Getroffen hat mich auch die Reaktion von anderen. „Also ich fühle mich angesprochen“. Übersetzt: Stell dich nicht so an, du bist hier die seltsame Person, deine Bedürfnisse und Gefühle sind nebensächlich. Eine Person entschuldigte sich damit, dass sie ja im Alltag nicht gendern könne. Ihre Kunden würden das nicht akzeptieren. Ahja?

Ist es verständlich, dass ich meine Hoffnungen stark nach unten korrigiere, ob und wie sich diese Menschen irgendwo, irgendwann für mich und meinesgleichen stark machen werden, wenn es gilt? Ab wann werden meine Belange relevant genug, um mitgedacht zu werden? Wenn alle anderen Probleme gelöst sind, oder wenn es für Menschen wie mich gefährlich wird und es vielleicht wirklich etwas kostet, für uns zu reden? Würden „die Kunden“ das dann akzeptieren? Gibt es eine Hierarchie von Teilhabe? Erst die Tempo-30-Zonen, dann die Gleichbehandlung queerer Menschen?


Das zweite ist die Buchankündigung von Philipp Ruch, „Der Rückfall“ (Autorenwelt↗), warum der überraschende Zugewinn der NSDAP in den Wahlen von am 14. September 1930 passierte und was wir daraus lernen könnten. Die Leseprobe (PDF↗) ist bereits eindrücklich, danach habe ich das epub spontan geholt, ausserdem die Schriften von Alfred Kerr, darunter die erwähnte „Diktatur des Hausknechts“ von 1933.

—— Zitat
Hitler: das ist der Mob, der Nietzsche gelesen hat. Das ist Mussolenin ım Ausverkauf. Das ist der Ochlokrat, der den „Individualisten“ äfft. Das ist die Brutalität per Nachmachung.

Verschlagen, wie es der sog. dumme Kerl sein kann; und verschlagen aus menschlicher Niederung: in die Herrschaft.

Dies denkend lag ich im Grunewald mit Grippe zu Bett. Ein Telephonruf teilte mit: Der Pass wird mir entzogen. Trotz 39 Grad Fieber raus aus dem Bett, nur einen Rucksack über, mit dem Allernötigsten.
Nach dreieinhalb Stunden war ich in der Tschechoslowakei.

[…]

Jede Diktatur schafft sich einen gemeinsamen Feind. Einen im Innern, einen im Äussern. Spannendes Mittel zum Sammeln: etwas für das „Ziel Aller”; Kniff zur Ablenkung. Diesmal steht der eine Gegner im Verhältnis von 1 zu 100. Die Rettung vor den feindlichen Bolschewisten ist Schwindel — von Bolschewisierenden. Später wird der „Feind” im Ausland stehn.
Dort endet es.

Das Lockmittel heisst indess: nationale Erhebung. Es gab jedoch in Deutschland nationale Erhebungen, die sauber gewesen sind. In den Befreiungskriegen zeigte sich höchster Opfermut eines von Napoleon ausgesogenen Volkes — ohne Schmierigkeit. Ohne viehische Beitat. Ja oder nein?

Diese Unterscheidung wird von den Deutschen der Gegenwart nicht mehr gemacht. Sie haben eine Kartenlegerreligion — die jede letzte Gemeinheit entschuldigt.

Was ist hier das Melancholischste? Nicht, dass Grauenhaftes geschieht; sondern dass fünfundsechzig Millionen es mitansehn; es in Kauf nehmen; einstecken; jede Lumpentat mitmachen.

Viele zwar zittern vor dem Revolver, vor Verschleppung, Misshandlung, wirtschaftlicher Vernichtung; denen soll verziehen sein. Kein Verzeihen aber gibt es, in Ewigkeit, für die Andren: wenn sie zwar die „Erhebung” bemerken, jedoch keineswegs deren Art…
—— Ende

„Ochlokratie“ musste ich nachschlagen: „eine Herrschaftsform, bei der eine Masse ihre politischen Entschlüsse als Mehrheit oder durch Gewalt eigennützig durchsetzt.“ (Wiki↗). Es klingt so ähnlich wie Arschloch-Kratie. Nach Polybios ist die Ochlokratie eine Verfallsform der Demokratie. Dabei gehe die Orientierung am Gemeinwohl verloren, stattdessen würden Eigennutz und Habsucht das Handeln der Bürger*innen bestimmen.

In 10 Tagen wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Ich verbringe meinen Urlaub regelmässig direkt an der niedersächsischen Landesgrenze kurz vor Salzwedel. Es könnte sein, dass in einigen Wochen oder Monaten die Grenze meiner Sicherheit genau dort endet, weil eine rechtsextremistische Landesregierung queeren trans Personen das Leben sauer machen und sie genauso vertreiben und unterdrücken will, wie „nichtdeutsche“ (nach ihrer Definition).

Und dann frage ich mich, was hier passiert wird. Wenn das schluckweise rüberschwappt und mehr Menschen hier sich denken, „naja, da könnte was dran sein“. Was dann die Leute im Gruppenchat machen, die mich „mögen und wertschätzen“, aber mich nicht nachvollziehen und sich deshalb nicht an die praktische Wertschätzung gewöhnen können, die sich nicht tangiert fühlen, und deren Kunden es nicht akzeptieren würden.

Alfred Kerr schrieb 1938 „Die wahren Schuldigen“:

—— Zitat
Gestank und Schmuß und Hitlergruß
Sind etwas schwer zu Leidendes;
Doch steht die Welt Gewehr bei Fuß
Und tätigt nichts Entscheidendes.
Im welken Erdengarten,
Da starren sie und warten.

Ist dieses Leben längst verbraust,
Erheb’ ich mich als Leiche
Und schüttle meine fahle Faust,
Tappend im Totenreiche,
Und klage vor dem Weltgericht:
„Der Täter war der Schlimmste nicht!
Wer das Schlimmste verschuldet hat,
War der, der alles geduldet hat!”
—— Ende

Hannah Arendt diskutierte sieben Jahre später, noch vor dem Ende der Nazi-Regierung, in „Organsierte Schuld“ (PDF↗) die vergleichsweise mühelose Einbeziehung „ganz normaler Deutscher“ in die Mord- und Terrormaschinerie. Sie nennt sie die Familienmenschen und Spiesser, denen einfach der Blick auf das Wohl der eigenen Familie so wichtig war, dass sie mit der Zeit, schleichend, jegliche Bedenken über Bord werfen konnten, und, so ihr Empfinden, da eh „nur ein kleines Rädchen“ waren, nicht die wirklcihen Täter (ohne *).


Nein, meine kleine Chatgruppe sind keine solchen Spiesser, sondern überzeugte Demokrat*innen mit humanistischen Überzeugungen, und die Verhältnisse sind längst nicht so wie 1945, 1938 oder 1933. Aber vielleicht ist die Lage im Land ein bisschen wie kurz vor dem 14. September 1930, als die NSDAP von 2,63% auf 18,3% der Stimmen springt und 107 von 577 Mandaten holt.

Und an dieser Stelle frage ich mich ein bisschen, wie viele Demokrat*innen mit humanistischen Überzeugungen nach 1930 und 1933 einfach noch leiser wurden, „als die Nazis die Kommunisten holten…“ (Niemöller↗), und wünsche mir, dass die heutigen Menschen jetzt schon üben, nicht zu schweigen, sondern alle anderen mitzudenken. Insbesondere die von ihnen verschiedenen.

Das ganze beschäftigt mich schon eine Weile. So stark, dass ich es in eine Romanform gebracht habe, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen über wiederkehrende Muster. Das Buch ist frei, CC BY-NC-SA 4.0. Die neueste Fassung liegt stets hier:
https://enby-box.de/Die_machen_was_mit_dir/Die_machen_was_mit_dir.epub
und
https://enby-box.de/Die_machen_was_mit_dir/Die_machen_was_mit_dir.pdf

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