Queerfulness als Praxis vs Aktivismus-Burnout

Die Siegessäule hat einen sehr lesenswerten Artikel über Aktivismus-Burnout, „Community kostet Kraft: Warum leiden so viele an Aktivismus-Burn-out?“↗. Die Analysen fand ich treffend, die Tipps zu Gegenmassnahmen gleichzeitig zu vage.

Das erwähnte Buch „Queerfulness. Vom Glück einer solidarischen Protestkultur“↗ von Cornelia Fleck (2022) ist sehr erzählerisch, anekdotisch, an vielen Stellen wunderbar poetisch – und leider gar nicht konkret praxisorientiert lesbar.

Ich habe daher die Aussagen und praktischen Anleitungen extrahieren und geordnet zusammenfassen lassen (ja, Claude Opus 5). Disclaimer: Das muss nicht alles stimmen. Prüft es selbst, probiert, nehmt was passt. Ich mache mir die Aussagen ausdrücklich nicht automatisch zu eigen, sondern berichte nur in Kurzfassung, was Artikel und Buch im Kern liefern.

Generell gehen Buch und Artikel in eine ähnliche Richtung wie Dean Spade „Mutual Aid“↗, deutsch „Solidarisch füreinander sorgen“↗ (siehe Punkt 7), setzen allerdings bereits bei „normalen“ Aktivismus an, nicht erst als notwendige Selbsthilfe im Krisenmodus.


Was Cornelia Flecks Buch konkret zur Prävention von Aktivismus-Burn-out beiträgt

Systematische Auswertung von: Cornelia Fleck, „Queerfulness. Vom Glück einer solidarischen Protestkultur“, Querverlag Berlin 2022 (in*sight/out*write 6), 64 Seiten.
Bezugsrahmen: Eleonore Foss, „Community kostet Kraft: Warum leiden so viele an Aktivismus-Burn-out?“, SIEGESSÄULE, 28.08.2026.


Inhalt

0. Wie dieser Text zu lesen ist
Die Diagnose des SIEGESSÄULE-Artikels in sieben Punkten
1. Die Diagnose des Buches: Was genau ausbrennt
2. Aktionen auswählen: Der Vergnügen-Check
3. Visionsarbeit als Ressourcenquelle
4. Community bauen, die trägt
5. Die Gruppe organisieren: Open Space als Modell
6. Zugang prüfen: unsichtbare Grenzen
7. Solidarität als Arbeitsform, nicht als Hilfe
8. Konflikt führen, ohne sich zu verbrauchen
9. Spielen statt Verbieten
10. Ambiguitätsvergnügen: die Kompetenz gegen Zermürbung
11. Wirksam handeln: Formen, Erfolge, Grenzen
12. Anfangen und Aufhören: Komfortzone und Heimkehr
12.1 Das Komfortzonenmodell
12.2 Die Heimkehr
13. Der Werkzeugkasten, den das Buch nur nennt
14. Was das Buch nicht leistet
15. Kurzcheckliste
Anhang: Belege
Externe Quellen (außerhalb des Buches)


0. Wie dieser Text zu lesen ist

Das Buch ist ein literarischer Essay, kein Handbuch. Es argumentiert in Bildern, Anekdoten und Sprachspielen. Die Konzepte, Analysen und Handlungsvorschläge stecken darin, sie sind aber nicht als solche ausgewiesen. Dieser Text zieht sie heraus, ordnet sie nach Anwendungsfeldern und belegt jede Aussage über den Anhang (Seitenangaben beziehen sich auf die PDF-Seiten der vorliegenden Datei).

Zur Einordnung der Autorin: Fleck ist Bühnenkünstlerin, Theaterpädagogin und Trainerin für Antidiskriminierung, Partizipation und Protestkultur. Das Aktionsbündnis „Summer of Queerfulness“, aus dem die meisten Praxisbeispiele stammen, entstand aus einer zufälligen Begegnung auf einer Mieter*innendemo. Das Gründungsversprechen war gegenseitige Unterstützung, inspiriert vom Film „Pride“ [90].

Ein Hinweis zur Quellenlage: Fleck belegt ihre empirischen Behauptungen nicht. Wo sie sich auf Forschung beruft (Gewaltforschung, Extinction Rebellion, Suizidraten), fehlen Nachweise. Diese Stellen sind unten jeweils gekennzeichnet und, soweit möglich, gegen belastbare Quellen geprüft. Der Wert des Buches liegt nicht in seiner Empirie, sondern in der Praxiserfahrung einer Trainerin für Antidiskriminierung und Protestkultur und in einer durchdachten Haltung zur Frage, wie Mittel und Zweck zusammenhängen.

Die Diagnose des SIEGESSÄULE-Artikels in sieben Punkten

Damit klar wird, worauf das Buch antwortet, hier die Befunde des Artikels, auf die sich der weitere Text als A1 bis A7 bezieht:

  • A1 Im Aktivismus fehlen Bezahlung und ein klarer Abschluss von Aufgaben. Es gibt keine Belohnungsstruktur (Fleck im Interview).
  • A2 Anders als Erwerbsarbeit hat die Welt unendlich viele Aufgaben. Wer sich informiert, wird überschüttet. Das Nervensystem hält das nicht aus.
  • A3 Social Media verstärkt die Überflutung. Am Ende stehen Aktivismus-Burn-out auf der einen und Doomscrolling beziehungsweise Handlungsunfähigkeit auf der anderen Seite.
  • A4 Selfcare im Sinne Audre Lordes meint kollektive Erholung, nicht individuelle Selbstoptimierung. Pausen, Zusammenkommen und Feiern sind Teil der politischen Arbeit.
  • A5 Wo das Ziel des Aktivismus an die eigene Identität gebunden ist, lässt sich kaum eine Grenze ziehen. Minderheitenstress wirkt weiter, auch wenn man sich zurückzieht.
  • A6 Die üblichen Lösungsvorschläge individualisieren das Problem. Nötig wäre strukturelles Umdenken bei Vereinen, Stiftungen und öffentlichen Geldgebern (Juliane Rosin, LesbenRing e. V.).
  • A7 Das Fortschrittsnarrativ ist erschüttert. Die Angst vor Rückschritt treibt Aktivist*innen dazu, ihre Kapazitäten zu überziehen.

Die belastbare Zahl hinter A5: Eine Studie des DIW Berlin und der Universität Bielefeld (Wochenbericht 6/2021, Datenbasis SOEP 2019 plus Online-Befragung) fand bei LGBTQI*-Menschen fast dreimal so häufig diagnostizierte Depressionen und Burnout wie in der übrigen Bevölkerung. Bei 26 Prozent der queeren Befragten wurde schon einmal eine depressive Erkrankung diagnostiziert, gegenüber knapp 10 Prozent bei cis-heterosexuellen Personen. Rund 40 Prozent der trans Personen berichteten von Angststörungen. Diskriminierungserfahrungen gelten nach dem Forschungsstand als plausible Ursache.

Das Grundmuster der Antwort: Fleck setzt nicht bei der Belastungsgrenze an, sondern beim Antrieb. Ihre These ist, dass Engagement dann tragfähig wird, wenn der äußere Motor (die Welt verändern) und der innere Motor (Vergnügen an der Aktion selbst) zusammengeschaltet sind. Diese Kombination, die sie „pan-trinsisch“ nennt, brennt nach ihrer Beobachtung langsamer aus [1]. Das ist eine Antwort auf A1: Wenn die Belohnung nicht am Ende steht, muss sie im Vorgang selbst liegen.


1. Die Diagnose des Buches: Was genau ausbrennt

Fleck beschreibt Aktivismus-Burn-out an einem Bild: Wespen im September, die auf Alarmpheromone aus dem Internet reagieren, um sich stechen, in klebrigen Verwaltungsstrukturen ersticken, an Konfliktherden verglühen und schließlich als leere Hülle vertrocknen [2]. Bemerkenswert daran ist, dass sie mehrere Ursachen in einem Bild bündelt: digitale Dauerreizung, bürokratische Reibung, Dauerkonflikt, sinkende soziale Wärme.

Die strukturelle Ursache benennt sie nüchtern: Unsere Ressourcen sind begrenzt, die Verbesserung der Welt ist ein Projekt ohne Ende [3]. Das ist exakt A2, nur ohne Zahlen.

Dazu kommt eine Beobachtung, die im Artikel fehlt und die ich für den wichtigsten eigenständigen Beitrag des Buches halte: die Drift-Gefahr. Fleck beschreibt Menschen, bei denen die Wut die einzige Konstante blieb, während sich die politische Richtung verschob. Ehemals wütende Linke wurden wütende Rechte. Streitbare Lesben der 1970er und 80er Jahre richteten ihre Störkunst später gegen jüngere Generationen. Homosexuelle wurden zu Homonationalen, die den deutschen Schwulen gegen einen imaginierten homophoben Ausländer verteidigen wollten [4]. Ihre Schlussfolgerung: Wer das Schwimmen gegen den Strom zur Gewohnheit macht und dabei den Flusslauf nicht beobachtet, schwimmt irgendwann nach rechts.

Daraus folgt ihre zentrale normative Setzung, die sie mit Audre Lorde begründet: Die Werkzeuge der Herrschenden reißen deren Haus nicht ein. Statt eines zynischen Machiavellismus, in dem der Zweck die Mittel heiligt, will sie einen Aktivismus, dessen Mittel dieselbe subversive Schönheit und radikale Menschenfreundlichkeit haben wie sein Ziel [5]. Anders formuliert: Das Ziel soll zum Weg werden, Utopia soll mit Werkzeugen gebaut werden, die in Utopia geschmiedet wurden [6].

Warum das für Burn-out relevant ist: Wenn die Mittel selbst nährend sind, entfällt der Aufschub. Man muss nicht bis zum Sieg durchhalten, um etwas davon zu haben. Das ist die theoretische Fassung von A1 und A4 zugleich.


2. Aktionen auswählen: Der Vergnügen-Check

Analyse. Wer alles macht, was nötig wäre, macht nichts lange. Fleck schlägt eine Inventur vor, die sie augenzwinkernd als Marie-Kondō-Verfahren einführt: alle Formen von Engagement einzeln hervorholen, in die Hand nehmen und prüfen, ob sie vor Vergnügen funkeln [7].

Sie führt das an eigenen Beispielen vor: Mit einem Schwarm Tunten die Rolltreppen eines Kaufhauses besetzen, bleibt. Eine Nazi-Demo in einen Spendenlauf verwandeln, bei dem jeder marschierte Meter Geld für Geflüchtetenprojekte generiert, bleibt. Auf Twitter mit Rechten diskutieren, fliegt raus, weil sie sich dabei eine, in ihren Worten, Nazivergiftung geholt hat [8].

Das ist direkt anschlussfähig an A3. Fleck hat 2022 aussortiert, was der Artikel 2026 als Hauptbeschleuniger identifiziert.

Konkret:

  • Liste alle deine Engagement-Formen einzeln auf, nicht als Themenblöcke, sondern als Tätigkeiten (Plenum, Standdienst, Antragstexte, Kommentarspalten, Transpi malen, Awareness-Schicht).
  • Prüfe jede einzeln: Gibt sie Energie zurück, während du sie tust?
  • Sortiere aus, was dauerhaft nur zehrt. Debatten mit geschlossenen Weltbildern sind der erste Kandidat.
  • Behalte bewusst mindestens eine Aktionsform, die dir Freude macht, auch wenn sie politisch weniger „wichtig“ erscheint.
  • Nutzt in der Gruppe ein gemeinsames Prüfwort. Der „Summer of Queerfulness“ hat „queerful genug?“ als Standardfrage in die Aktionsplanung eingebaut [9].

Einschränkung, die man mitdenken sollte: Der Vergnügen-Check ist ein Auswahlkriterium für Menschen mit Wahlmöglichkeiten. Wer als einzige Person in einer Region eine Beratungsstelle hält, kann nicht aussortieren. Für solche Lagen ist A6 die richtige Antwort, nicht dieses Kapitel.


3. Visionsarbeit als Ressourcenquelle

Analyse. Fleck behandelt Träumen nicht als Vorstufe zur Planung, sondern als eigenständige, energiespendende Tätigkeit. Ihr Bezugspunkt sind Schauspiellehrende: Lee Strasbergs Rat, nach den Sternen zu greifen, um wenigstens den Mond zu erreichen, und Geraldine Barons Umdeutung von „be realistic“ in die Aufforderung, Träume zu realisieren [10].

Die dazugehörige Methode ist konkret dokumentiert. Im Januar 2020 lud der „Summer of Queerfulness“ Aktivist*innen und nahestehende Menschen zu einem „visionären Bacchanal“ in ein Wohnzimmer. Der Boden war mit Sofas, Matten, Kissen und Teppichen ausgelegt, an den Wänden hingen Namen inspirierender Protestkulturen (Radical Faeries, Shark Femmes, Lesbian Avengers). Alle kamen in Pyjamas oder Entspannungsroben. Die Leitfrage lautete: Wovon träumst du, wenn es dir weder an Zeit noch an Geld noch an anderen Ressourcen mangelte? Ausdrücklich empfohlen wurde, an diesem Nachmittag nicht ins konkrete Planen zu gehen [11]. Flecks Beobachtung: Die meisten Ideen haben sich trotzdem realisiert, weil die entstandene Lust schwer einzudämmen war [12].

Das Prüfkriterium, das sie daraus ableitet: Erst wenn die Utopie sinnlich vergegenwärtigt ist, lässt sich beurteilen, ob eine geplante Aktion zu ihr passt [13].

Ihr Bild für den Nutzen ist das Kinderbuch „Frederick“ von Leo Lionni: Die Maus, die statt Vorräten Sonnenstrahlen, Farben und Wörter sammelt, versorgt die Gruppe im Winter mit dem, was Vorräte nicht leisten [14]. Übersetzt: Was unproduktiv aussieht, ist Vorratshaltung für die Erschöpfungsphase. Und ganz explizit: Vor dem Weiterlesen soll man ein Nickerchen einlegen, dösen, träumen, sich erinnern [15].

Konkret:

  • Setzt einmal jährlich einen Termin an, der ausdrücklich keine Planung ist. Zwei bis drei Stunden reichen.
  • Gestaltet den Raum körperlich anders als eure Plena: Boden statt Stuhlkreis, bequeme Kleidung, kein Protokoll.
  • Leitfrage: Wovon träumst du, wenn Zeit, Geld und Kräfte keine Rolle spielten?
  • Verbietet euch für diesen Termin explizit Machbarkeitsdiskussionen und To-do-Listen.
  • Hängt die Namen von Bewegungen und Personen auf, an denen ihr euch orientiert. Das stellt Zugehörigkeit zu einer Geschichte her, die über eure Gruppe hinausreicht.
  • Prüft geplante Aktionen danach daran, ob sie zu dieser Vision passen, nicht nur daran, ob sie machbar sind.

4. Community bauen, die trägt

Analyse. Fleck räumt zuerst mit einer Erwartung auf, an der viele scheitern: Es gibt keine Community-Zentrale, keine Generaldirektorin, keine Hauptversammlung, bei der man sich anmeldet. Es gibt nur Menschen, die im öffentlichen Raum aufeinandertreffen [16]. Wer Enttäuschung über „die Community“ empfindet, hat oft eine Organisation erwartet, wo ein Milieu ist.

Daraus folgt ihre Betonung des öffentlichen Raums: Solidarität lässt sich nur in Begegnung erfahren, nicht im Kokon [17]. Sie unterfüttert das historisch, und das ist der stärkste historische Teil des Buches:

  • Der Second-Wave-Feminismus belebte die Freundinnenschaft wieder, nachdem die bürgerliche Ehe den Aktionsradius von Frauen auf das Haus geschrumpft hatte. Feminismus keimte in Frauengruppen und wuchs im consciousness raising [18].
  • In der DDR traf man sich im Sandsteingebirge zum „Boofen“, also zum Übernachten im Fels, fernab staatlichen Zugriffs [19].
  • HipHop entstand auf Blockpartys in afroamerikanischen Nachbarschaften. Argentinischer Tango, Capoeira, Roller Dance und Voguing entwickelten sich sämtlich im öffentlichen Raum unter marginalisierten Gruppen [19].
  • Die Repression folgte prompt: Unter Bürgermeister Rudy Giuliani konnte man in New York wegen Herumstehens weitergeschickt werden, Tango und Capoeira waren zeitweise verboten, Roller Jams wurden regelmäßig aufgelöst [20].

Flecks Schluss: Wo Ausgestoßene sich draußen treffen, entsteht Gemeinschaft, und genau deshalb wird es unterbunden. Ihr Vorschlag für Krisenpolitik, formuliert am Lockdown 2020, lautet „anbieten statt verbieten“: Statt Räume zu schließen, hätte man mehr davon öffnen können [21].

Bezug zum Artikel: Das ist Flecks Antwort auf A3. Der Artikel zitiert sie mit dem Rat, das Handy wegzulegen und sich in der Wirklichkeit zu verankern. Das Buch liefert die Begründung: Handlungsfähigkeit und Solidaritätserfahrung entstehen körperlich, im geteilten Raum.

Konkret:

  • Verlege Community-Aktivität regelmäßig nach draußen und in umsonst zugängliche Räume.
  • Erwarte von „der Community“ keine Dienstleistung. Frage stattdessen, was du beiträgst, und rechne damit, dass Zugehörigkeit über Zeit entsteht.
  • Wenn ihr Räume verwaltet: Prüft bei jeder Regel, ob sie verbietet oder anbietet.

5. Die Gruppe organisieren: Open Space als Modell

Analyse. Fleck überträgt die Großgruppenmethode Open Space auf Community-Organisierung. In ihrer Darstellung: Alle tragen zu Beginn ihre Anliegen zusammen, danach bilden sich Kleingruppen. „Schmetterlinge“ lassen sich bei einem Thema nieder und ziehen andere an. Die „Hummel“ wandert von Gruppe zu Gruppe und macht überall ein bisschen mit. In konventioneller Sicht wäre das die Person, die nervt. Im Open Space gilt sie als befruchtend, weil sie Impulse überträgt [22].

Zwei Open-Space-Regeln hebt sie hervor: Wer auch immer kommt, es sind die richtigen Leute. Was auch immer geschieht, es ist das Einzige, was geschehen konnte [23]. Übertragen auf Community heißt das: Räume je nach Thema teilen statt um Räume kämpfen, und darauf vertrauen, dass die passenden Menschen kommen [24].

Dazu kommen drei gruppendynamische Thesen, die praktisch folgenreich sind:

  1. Heterogenität ist Sicherheit. Eine vielfältige Gruppe, die ihre Verschiedenheit gut aushält, ist nach Fleck der sicherste Ort. Zu homogene Gruppen werden auf Dauer gefährlich [25].
  2. Feindbilder zersetzen Gruppen von innen. Der Irrtum, Gemeinschaft brauche einen Feind, produziert Mitglieder, die nie wissen, wann sie selbst zur unerwünschten Person erklärt werden. Ihr Beispiel ist das hektische „no homo“ unter jungen Männern nach einer freundlichen Geste: Treten nach unten, um die eigene Position zu sichern [26].
  3. Vertrauen entsteht durch gemeinsam Erlebtes. Gemeinschaft wächst, wenn Beteiligte ein Abenteuer miteinander durchstehen, das über Alltägliches hinausgeht. Und wenn die Reise vorbei ist, darf die Gruppe auseinandergehen [27]. Echte Gemeinschaft bedient beide Bedürfnisse zugleich: Zugehörigkeit und Individualität [28].

Warum das gegen Burn-out wirkt: Punkt 3 entlastet massiv. Wenn Gruppen enden dürfen, muss niemand eine sterbende Struktur aus Pflichtgefühl am Leben halten. Das adressiert einen Teil von A1, den der Artikel nur streift: Es gibt keinen Abschluss, weil niemand Abschlüsse vorsieht.

Konkret:

  • Plant Projekte mit definiertem Ende statt als Dauerstruktur. Verlängern könnt ihr bewusst.
  • Behandelt Menschen, die überall ein bisschen mitmachen, als Überträger von Wissen, nicht als unzuverlässig.
  • Teilt Räume nach Thema statt nach Zugehörigkeit, wo das sachlich geht. Flecks Beispiele: Zu einem Cervix-Watching kommen Menschen mit Cervix, unabhängig vom Geschlecht. Zu einer Free-the-Nipple-Party lädt sie alle, die etwas zu befreien haben, ausdrücklich auch trans Männer vor und nach OP und cis Jungs mit male boobs [24].
  • Verzichtet auf Feindbilder als Bindemittel. Prüft in Konflikten, ob eure Gruppenidentität gerade nur noch aus Abgrenzung besteht.
  • Baut gemeinsame Erlebnisse ein, die nicht Arbeit sind.

6. Zugang prüfen: unsichtbare Grenzen

Analyse. Hier steht der praktisch nützlichste Begriff des Buches, und Fleck baut ihn von der Selbstkritik her auf.

Am Anfang steht „Happyland“, ein Begriff der Antirassismus-Trainerin Tupoka Ogette: der Ort, an dem man wohnt, wenn es einem gut geht, man alle Chancen hatte, keine Diskriminierung erlebt und glaubt, auch keine auszuüben [29]. Dass das Publikum solcher Räume überwiegend weiß, cis, gebildet, gutverdienend und mit Pässen des globalen Nordens ausgestattet ist, fällt darin nicht auf [30]. Dem hält sie Hannah Arendts Argument entgegen, dass man sich nur als das verteidigen kann, als das man angegriffen wird [29].

Ihre drei Fallbeispiele:

  • Körperlicher Raum: Drei Männer, die im Whirlpool die Arme auf dem Beckenrand ausbreiten und die anwesenden Frauenkörper mustern, besetzen den Pool wirksamer als jedes Schild. Fleck war formal willkommen und ging trotzdem nicht rein [31].
  • Geld: Eine Soli-Show zugunsten von LGBT-Geflüchteten erhob am Eingang einen Beitrag nach Selbsteinschätzung. Ein Freund Flecks mit leeren Taschen wurde abgewiesen. Er hat selbst eine Fluchtgeschichte. Über dem guten Verständnis für die Geldnot der Zielgruppe war das Verständnis für die Geldnot vor der eigenen Tür verlorengegangen [33].
  • Sicherheit im öffentlichen Raum: Zu Gesprächen mit Jugendgruppen kamen nur trans Männer. Der Grund: Die meisten trans Frauen fahren abends ungern durch die Stadt. Gegen diese Einschränkung helfen Willkommensbekundungen nicht [34].

Daraus leitet Fleck ihre Definition ab: Eine „unsichtbare Grenze“ ist eine Zugangsbarriere, die formal nicht existiert und die meist nur die ausgesperrte Seite bemerkt [32].

Das dritte Beispiel ist der wichtigste Minderheiten-Hinweis des Buches und in der Wirkungsrichtung eindeutig: Die Einschränkung des öffentlichen Raums für Frauen trifft trans Frauen härter. Wer Community-Angebote abends ansetzt, selektiert damit, ohne es zu merken.

Im selben Zusammenhang benennt Fleck die fortwirkende Alltagsabwertung durch Witze und Demütigungen und verweist auf die erhöhte Suizidrate unter LGBT+ Jugendlichen [35]. Quellenkritik: Das Buch nennt dafür keine Quelle. Die Größenordnung ist durch internationale Forschung gut belegt, das Buch trägt dazu aber nichts bei. Für Deutschland liefert die oben genannte DIW-/Bielefeld-Studie die belastbaren Zahlen zu Depression, Burnout und Angststörungen.

Konkret (Checkliste für jede Veranstaltung):

  • Geld: Gibt es einen echten Nulltarif, den niemand erklären oder erbitten muss? Solidarpreise sind keine Barrierefreiheit, wenn Null nicht vorgesehen ist.
  • Uhrzeit und Weg: Ist der Rückweg im Dunkeln zumutbar? Gibt es Begleitangebote, Fahrgemeinschaften, frühe Termine?
  • Körperliche Besetzung: Wer nimmt im Raum wie viel Platz ein? Gibt es Rückzugsflächen?
  • Zusammensetzung: Wenn immer dieselbe Gruppe kommt, ist das keine Statistik, sondern ein Befund. Frage die Fehlenden, nicht die Anwesenden.
  • Regelmäßige Rückfrage: Da nur die ausgesperrte Seite die Grenze bemerkt, braucht ihr einen Kanal, über den Menschen von außen Rückmeldung geben können, ohne Mitglied zu sein.

Zum Burn-out-Bezug: Dieses Kapitel arbeitet gegen A6. Zugangsbarrieren abzubauen ist die wirksamste Methode, die Last auf mehr Schultern zu verteilen. Wer sich fragt, warum immer dieselben fünf Leute alles machen, sollte hier anfangen und nicht bei Entspannungsübungen.


7. Solidarität als Arbeitsform, nicht als Hilfe

Analyse. Fleck trennt scharf zwischen Helfen und Verbünden. Solidarität ist kein Wohltätigkeitsball, sondern Austausch auf Augenhöhe und Zusammenarbeit, von der alle etwas haben. Ihr Prüfbild: Der Ehemann, der im Haushalt „hilft“, hat sich damit noch nicht auf Augenhöhe mit seiner Frau verbündet [37].

Sie führt aus, was Verbündete jeweils selbst gewinnen [38]:

  • Heteros, die sich mit Queers verbünden, verlieren den Druck der Heteronormativität.
  • Männer, die gemeinsam mit FLINTA gegen das Patriarchat vorgehen, werden von einer Rolle entlastet, die nicht selten direkt in den Herzinfarkt führt, und gewinnen Zugang zu Zärtlichkeit.
  • Regierungen, die mit Indigenen zusammenarbeiten, könnten lernen, wie Buschfeuer beherrscht und Zoonosen verhindert werden.

Ihre Grundthese: Je mehr Perspektiven zusammenkommen, desto klüger werden alle.

Als Mechanismus beschreibt sie den Spartacus-Effekt anhand einer Szene aus „Sex Education“: Eine Schülerin wird mit einem Bild ihrer Vulva gemobbt, die Schulleitung will die Betroffene identifizieren, und nach und nach reklamiert fast die ganze Schule das Bild für sich. Weder Bestrafung noch Mobbing greifen danach noch. Empowert sind am Ende alle Beteiligten [36].

Für Bündnisse zwischen cis und trans Frauen schlägt sie Mentoring in beide Richtungen vor. Sie bezieht sich auf Juno Roches „Queer Sex“ und auf Kate Bornsteins Biografie „A Queer and Pleasant Danger“, in der eine cis Feministin sie durch die Transition und zugleich in den Feminismus einführte. Umgekehrt, schreibt Fleck, könne sie als cis Frau von einer trans Mentorin etwas über eine Weiblichkeit lernen, die extremen Widerständen standhielt und sich nicht in misogynen Selbsthass verdrehen ließ [39]. Der Bezugspunkt bleibt Audre Lorde: Niemand ist frei, solange eine einzige Frau unfrei ist, auch wenn ihre Fesseln ganz andere sind [40].

Und ein Satz mit praktischer Sprengkraft für Menschen mit Kapazität und ohne akuten eigenen Bedarf: Wer sich nach Empowerment sehnt und selbst keines nötig hat, soll sich auf die Seite derjenigen schlagen, die Unterstützung brauchen können. Es wirkt genauso [41].

Konkret:

  • Formuliert Bündnisanfragen als Kooperation mit beidseitigem Gewinn, nicht als Bitte um Unterstützung.
  • Benennt gegenüber potenziellen Verbündeten explizit, was sie selbst gewinnen. Das ist keine Manipulation, sondern die realistische Beschreibung.
  • Übt kollektive Übernahme: Wenn eine Person angegriffen wird, macht die Betroffenheit gemeinsam, statt sie zu isolieren.
  • Baut Mentoring-Paare quer zu den Buchstaben auf, nicht nur innerhalb.
  • Wechselt regelmäßig Perspektive und Stammplatz. Fleck empfiehlt das ganz alltäglich, bis hin zum Vertauschen der eigenen Schubladen [42].

8. Konflikt führen, ohne sich zu verbrauchen

Dieses Kapitel ist der direkteste Beitrag gegen A3 (Social Media Überflutung), weil Dauerkonflikt der teuerste Posten in der Energiebilanz ist.

Analyse. Fleck ordnet Eskalation als Dynamik: Hass wird aus Angst gewonnen, und mit diesem Treibstoff dreht das „Eskalationskarussell“ immer höher, während Feindbilder sich verhärten. Wer Menschenfeindlichkeit aushebeln will, soll sich im Gegenteil üben, in Menschenfreundlichkeit [43]. Den Kern menschenfeindlicher Weltbilder sieht sie in Reinheitsvorstellungen: einer eindeutigen, unbefleckten Gruppe, die sich von den Unreinen abgrenzt. Das Wissen um die eigene Verschiedenheit sei das Gegengift und ein Geschenk des Coming-outs [44].

Daraus folgt ihre Warnung vor innerqueerer Fragmentierung: Wenn die Buchstabengruppen sich gegenseitig bekämpfen, freut sich die faschistoide Ecke über das Prinzip Teile und herrsche [45]. Ihr Gegenmittel ist das Präfix „trans“ als Denkfigur: Während „inter“ zwischen zwei klar abgegrenzten Bereichen vermittelt, hat „trans“ die Grenze bereits überschritten [46] und schlägt Brücken. Beispiel Transkulturalität. Die Quelle „Das Zauberwörtchen trans“ ist hier poetisch schön. Identitäten wachsen an vielen Stellen, sind unterschiedlich stark gewichtet und permanent im Wandel, weshalb sich Zugehörigkeiten im Lebenslauf mehrfach ändern können [47].

Zur äußeren Auseinandersetzung führt sie ein Eskalationsmodell aus der Gewaltforschung an: Auf gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit folge als nächste Stufe das autoritäre Milieu. Autoritäre brauchen Erregungszustände, wollen recht haben, können besser strafen als argumentieren und kennen nur Sieg oder Niederlage [48]. Quellenkritik: Auch hier fehlt der Beleg. Das Grundmodell ist an die Forschung zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (Wilhelm Heitmeyer und Bielefelder Arbeitsgruppe) und an die Autoritarismusforschung anschlussfähig, Flecks konkrete Stufenfolge ist so aber nicht als Forschungsstand ausgewiesen.

Die praktische Konsequenz ist ihre stärkste Handlungsanleitung: Wer auf Gegner*innen wie auf Mitspielende reagiert, mildert Erregung. Wer sich nicht mit autoritärem Gebaren ansteckt, bremst dessen Ausbreitung. Nicht jede Duellaufforderung muss angenommen werden, man kann den Angriff auch ableiten wie im Aikido [49].

Der Mechanismus dahinter stammt aus der Theaterimprovisation und deckt sich mit der Transaktionsanalyse: Rollenangebote sind verführerisch. Wer im Eltern-Ich beschimpft wird, antwortet im Kind-Ich, also trotzig. Wer diskret auf ein Missgeschick hingewiesen wird, kann würdevoll annehmen [50].

Die Grenze der Methode benennt Fleck selbst: Extremist*innen sind wie Sektenmitglieder nicht mehr mit Argumenten erreichbar, egal wie freundlich verpackt. Auch dort lässt sich eine rote Linie ziehen, ohne mit Autoritarismus zu flirten [51]. Ihr Beispiel ist Occupy Wall Street 2011: Als sich ein Antisemit ins Camp stellte, malten zwei Frauen ein Schild, das ihn als nicht für die Bewegung sprechend auswies, und flankierten ihn dauerhaft wie Fußnoten [52].

Als Trainingsform empfiehlt sie das Abklatschtheater: Zwei Personen improvisieren eine Szene, jemand klatscht, alle frieren ein, die klatschende Person übernimmt eine Position und startet eine völlig neue Szene aus derselben Körperhaltung. Trainiert wird damit die Fähigkeit, in jeder Szene das Potenzial einer ganz anderen zu sehen [53].

Ihr Praxisbeispiel dazu ist der Tuntenspaziergang 2017 in Berlin-Neukölln. Zwei Jugendliche kamen an, einer schubste die zierlichste Person der Gruppe. Die Drags waren körperlich klar überlegen, und Fleck sah, dass eine Prügelszene bevorstand. Ihre Überlegungen: Prügelfilme haben schlechte Fortsetzungen, der Held holt seine Brüder. Außerdem gilt Gesichtsverlust im toxisch-maskulinen Genre als größte Schande, und in dieser Lage tun Männer schreckliche und unnötige Dinge. Sie wechselte die Szene, rief den Jungen mit einem freundlichen Rollenangebot zu sich, entfernte sich dabei einige Meter von der Eskalationsstelle und improvisierte ein Gespräch über den Kiez und über Bartlinien. Am Ende stand ein Gruppenfoto [54]. Ihre eigene Bewertung ist nüchtern: Dass ihn das von Gewaltbereitschaft und Queerfeindlichkeit geheilt hat, ist unwahrscheinlich. Der Satz, auf den es ankommt, lautet sinngemäß: Man muss das Ende eines Stückes kennen, um eine Szene spielen zu können [55].

Wichtige Einordnung, die das Buch nicht ausreichend macht: Diese Deeskalation gelang unter sehr spezifischen Bedingungen. Fleck war Teil einer zahlenmäßig und körperlich überlegenen Gruppe, sie ist erfahrene Bühnenkünstlerin, sie wurde als ältere weiße Frau adressiert, und der Angreifer war ein unsicherer Jugendlicher ohne Plan. Wer allein ist, wer rassistisch gelesen wird, wer als trans Person angegriffen wird oder wer es mit organisierten Tätern zu tun hat, kann daraus keine Handlungsanweisung ableiten. Fleck hält ausdrücklich fest, dass Selbstverteidigung legitim bleibt, und verweist auf Stonewall [73]. Das Kapitel ist als Repertoire-Erweiterung zu lesen, nicht als Pflichtprogramm.

Konkret:

  • Frage vor jeder Konfrontation: In welche Rolle werde ich hier eingeladen, und will ich sie annehmen?
  • Biete deinerseits eine andere Rolle an, statt die angebotene zu bekämpfen.
  • Setze Grenzen durch Kontext statt durch Verbot. Das OWS-Schild ist das Musterbeispiel: keine Zensur, aber eindeutige Distanzierung.
  • Übt Szenenwechsel als Gruppe, bevor ihr sie braucht. Impro-Übungen sind billiges Deeskalationstraining.
  • Klärt vorab, wer im Ernstfall welche Rolle übernimmt, und akzeptiert, dass Weggehen eine legitime Option ist.

9. Spielen statt Verbieten

Analyse. Fleck argumentiert, dass sich im Spiel Dinge intuitiver und zugänglicher verhandeln lassen als in Texten und Theorien, weil über Stimme, Körper und Emotion mehr Ebenen mitlaufen [56]. Sie richtet das ausdrücklich auch gegen akademische Abschottung.

Ihr Fallbeispiel ist ein abgesagter Motto-Tag: Ein Abi-Jahrgang plante „Genderswap“, dagegen wurde protestiert, weil das Thema Binaritäten zementiere und damit trans- und interfeindlich sei. Der Tag fand nicht statt [57]. Über mehrere Seiten malt Fleck aus, was stattdessen hätte passieren können: Ein Gitarrist entdeckt am Chiffonkleid ein rätselhaftes Glück und traut sich erstmals einen Flirt ohne toxische Jagdlogik. Fußballjungs stopfen sich Ballons unter Schlauchkleider, berühren sich dabei so viel wie nie und produzieren aus dem Übermaß an Männlichkeitsbeweis eine homophile Groteske. Eine ultrafeminine Person fasst den Mut, ihre Transition zu beginnen, weil ihr klar wird, dass die Ultrafeminität das eigentliche Crossdressing war. Nicht-binäre Personen sabotieren das Thema mit Animal Drag, eine asexuelle Cosplayerin wählt einen geschlechtslosen Cyborg [58].

Die Pointe: Eine kleine Protestgruppe mit „Stop Genderswap“-Schild gerät durch den vorbeilaufenden Kontext selbst zur Illustration einer cis-heteronormativen Botschaft [60]. Und der eigentliche Ertrag: An so einem Tag wäre über Gender mehr Differenziertes gesagt worden als in jeder Debatte, und alle hätten sich spielend weiterentwickeln dürfen. Das Kapitel endet mit einer Aufforderung, die direkt auf A3 zielt: nicht drinnen sitzen und Social-Media-Hate anstarren, sondern rausgehen und spielen [59].

Daraus folgt eine Umgangsregel für den innercommunitären Diskurs, die Fleck vom Theater borgt: Diskurse verändern sich, ständig kommen Begriffe hinzu, und nicht alle sind auf dem aktuellen Stand. Auf der Bühne gilt es als schlechter Stil, andere auf ihre Texthänger hinzuweisen. Besser sei es, die Wahrheit der Szene auf anderen Ebenen zu erfassen und weiterzuimprovisieren [61].

Bezug zum Burn-out: Interne Sprachkonflikte kosten Bewegungen enorm viel Energie und treiben Menschen aus dem Engagement. Flecks Vorschlag ist keine Aufforderung, Kritik zu unterlassen, sondern eine Kosten-Nutzen-Überlegung: Ein durchgeführter, gut gerahmter Spiel-Tag hätte mehr Lernen erzeugt als eine gewonnene Verbotsdebatte.

Konkret:

  • Prüft vor einem Veto, ob sich das Format verbessern lässt, statt es abzusagen.
  • Rahmt riskante Formate aktiv, statt sie zu verbieten: Einführung, Rollenklärung, Ausstiegsmöglichkeit, Nachgespräch.
  • Behandelt veraltete Begriffe bei wohlmeinenden Menschen als Texthänger, nicht als Gesinnung. Korrigiert im Vorbeigehen, nicht als Verfahren.
  • Nutzt Spiel als Bildungsform, wo Theorie ausschließt.

10. Ambiguitätsvergnügen: die Kompetenz gegen Zermürbung

Analyse. Fleck knüpft an ein reales Konzept an: Ambiguitätsintoleranz, also die Schwierigkeit, Mehrdeutigkeit auszuhalten. Sie schreibt es Elsa Frenkel-Brunswik zu und ordnet es der Forschung zum autoritären Charakter zu, den Erich Fromm mit Unterwürfigkeit nach oben, Selbsterhöhung nach unten und Ablehnung alles Fremden beschrieb [62].

Faktenkorrektur: Die Psychologin hieß Else Frenkel-Brunswik (1908 bis 1958). Sie musste als Jüdin aus Österreich emigrieren und entwickelte das Konzept der „intolerance of ambiguity“ nicht, wie im Buch geschrieben, in der deutschen Nachkriegszeit, sondern in Berkeley, Kalifornien, im Umfeld der „Studies in Prejudice“ und der 1950 erschienenen Studie „The Authoritarian Personality“ (mit Adorno, Levinson und Sanford). Die Erstformulierung datiert auf 1949. Das ändert nichts an der Brauchbarkeit des Konzepts, aber die Zuschreibung im Buch ist falsch.

Fleck illustriert Ambiguitätsintoleranz mit einer Seuchenparabel: Heilerinnen raten erst von Tüchern ab, entdecken später ein geeignetes Material und korrigieren sich. Für Ambiguitätsintolerante ist der Wechsel unerträglich, sie rufen erst „Erst hü und dann hott“, dann Lügenvorwürfe, und am Ende landen die Heilerinnen auf dem Scheiterhaufen [63]. Das ist eine kaum verhüllte Beschreibung der Pandemiedebatte 2020/21 und beschreibt einen realen Kommunikationskonflikt: Wissenschaft revidiert sich, Ambiguitätsintoleranz liest Revision als Lüge.

Ihre These: Ambiguitätstoleranz ist eine trainierte Kompetenz marginalisierter Gruppen. Wer keine Repräsentation hat, hat ein Leben lang still umgedeutet, hat sich mal mit Julia identifiziert und mal mit Romeo und den Code „sich für das andere Geschlecht interessieren“ innerlich ergänzt [64]. Ihr historisches Beispiel: Gore Vidal peppte 1959 als Script-Doctor den Dialog von „Ben Hur“ mehrdeutig auf und teilte den homoerotischen Subtext nur dem Darsteller von Messala mit, nicht Charlton Heston. Zwei Männer spielen zwei verschiedene Geschichten, und es funktioniert [65]. Daraus die Alltagslehre: Auch im Konflikt spielen Menschen oft in verschiedenen Filmen, und die eigene Sicht bleibt die eigene Sicht.

Fleck will über Toleranz hinaus und fordert Ambiguitätsvergnügen, also Lust an Mehrdeutigkeit statt bloßem Ertragen [66].

Bemerkenswert ehrlich ist ihre Selbstanwendung: Sie beschreibt, wie sie gelernt hatte, Butches zuverlässig zu erkennen und korrekt zu gendern, und wie sie ein Jahrzehnt später erschüttert war, als eine für sie feminin wirkende Person um das Pronomen „er“ bat. Sie hatte ihren Katechismus erweitert und war dann in neuen Dogmen steckengeblieben. Auch sie hätte am liebsten „Erst hü, dann hott?“ gerufen [67]. Und sie räumt ein, dass dieses Balancetraining anstrengend ist und die Sehnsucht nach festem Boden verständlich [68].

Warum das gegen Burn-out hilft: Ambiguitätsintoleranz erzeugt Rechthabenszwang, und Rechthabenszwang erzeugt Dauerkonflikt. Wer aushalten kann, dass mehrere Deutungen nebeneinander stehen, muss weniger Kämpfe führen. Das ist Energiehaushalt, nicht Beliebigkeit.

Konkret:

  • Die Übung aus dem Buch: Verzichte einen Tag lang auf „oder“ und „aber“ und ersetze beides durch „und“ [69].
  • Frage in Konflikten zuerst, in welchem Film die andere Person gerade spielt.
  • Behandle die eigene Position als Position, nicht als Sachstand.
  • Rechne damit, dass du selbst in Dogmen feststeckst, die vor zehn Jahren Fortschritt waren.

11. Wirksam handeln: Formen, Erfolge, Grenzen

Analyse. Fleck macht eine ausdrückliche „Kampfabsage“. Ihr Ausgangspunkt: 2011 beklagte eine Aktivistin auf einer Anti-Atomkraft-Demo mit über 120.000 Teilnehmenden in Berlin, dass es sich wie ein Volksfest anfühle, angekettet an Schienen sei es intensiver gewesen. Flecks Gegenargument: Wenn Familien für Politik Zeit finden, ist das ein Erfolg und ein Zeichen, dass ein Anliegen gesamtgesellschaftlich angekommen ist. Wer Massen braucht, muss Demos so barrierefrei gestalten, dass sich die verwundbarsten Teile der Gesellschaft dort sicher fühlen [70].

Sie stützt das auf zwei Referenzen:

  • Extinction Rebellion habe erforscht, was gesellschaftlichen Wandel herbeiführt. Als besonders wirksam gelte die Kombination aus zivilem Ungehorsam einer kleinen Gruppe mit einer demonstrierenden Mehrheit, die dasselbe fordert [71]. Quellenkritik: Diese Forschung stammt nicht von Extinction Rebellion, sondern von Erica Chenoweth und Maria J. Stephan („Why Civil Resistance Works“, 2011). Deren Daten zeigen für über 300 Kampagnen zwischen 1900 und 2006, dass gewaltfreie Kampagnen etwa doppelt so häufig erfolgreich waren wie bewaffnete (rund 53 gegenüber rund 26 Prozent). XR hat diese Forschung popularisiert, unter anderem als „3,5-Prozent-Regel“. Wichtig für die Übertragbarkeit: Die Daten beziehen sich überwiegend auf Regimewechsel in autoritären Kontexten, nicht auf Politikwandel in liberalen Demokratien. Diese Einschränkung wird in der Fachdiskussion ausdrücklich erhoben.
  • Srđa Popović, der mit der Bewegung Otpor! zum Sturz von Milošević beitrug und heute weltweit Aktivist*innen trainiert, vertrete ebenfalls, dass nur gewaltfreier Widerstand zum Ziel führt [72].

Flecks eigenes Argument dazu ist strategisch und knapp: Menschenfeindliche Strömungen beherrschen Gewalt besser als wir, ein Wettrüsten wäre verloren, Kampf ist deren Heimspiel [72]. Selbstverteidigung bleibt legitim, mit Verweis auf Stonewall [73]. Ihr positives Modell ist der Pride, der seit über einem halben Jahrhundert jährlich Scham in Stolz verwandelt. Je mehr die Vorstufen zu Gewalt befriedet und die Legitimationsbasis des Hasses lahmgelegt wird, desto nachhaltiger sei der Beitrag zu einer friedlich pluralistischen Gesellschaft [74]. In einer Demokratie sei jede noch so kleine Partizipation wertvoll, auch ohne vorzeigbares Ergebnis [75].

Diese Neudefinition von Erfolg ist der schärfste Beitrag des Buches zu A1 (fehlende Belohnung). Fleck belegt sie mit drei historischen Fällen:

  • Stonewall 1969: Aus dem Getümmel entstand nicht ein Sieg, sondern das Momentum, weiterzukämpfen [76].
  • Lesbians and Gays Support the Miners 1984: Aus dem Sammeln von Spenden für streikende Bergarbeiter*innen entstand Solidarität, die ansteckte. 1988 unterstützten ausgerechnet Bergbauleute die Lesben- und Schwulenbewegung im Kampf gegen Clause 28, die britische Variante eines Verbots von „Homopropaganda“ [77].
  • Transparent „Cis? Trans? Allianz!“, 2019: Zwanzig Meter Stoff brauchten viele Hände. Es fand sich eine Gruppe aus trans und cis Personen, die sich vorher nicht kannte. Auch wenn keine einzige Passantin die Botschaft gelesen hätte, wäre die Aktion erfolgreich gewesen, weil sich die proklamierte Allianz im gemeinsamen Tun bereits hergestellt hatte [78].

Konkret:

  • Definiert vor jeder Aktion zwei Erfolgskriterien: eines nach außen und eines nach innen. Das innere ist auch dann erfüllt, wenn das äußere scheitert.
  • Wertet nach der Aktion beide aus, nicht nur das äußere.
  • Baut Aktionen so, dass sie Beziehungen erzeugen, nicht nur Botschaften. Große Transparente, gemeinsames Bauen und geteilte Aufregung leisten das.
  • Gestaltet Demos barrierefrei und familientauglich und wertet den Volksfestcharakter als Erfolgsindikator, nicht als Verwässerung.

12. Anfangen und Aufhören: Komfortzone und Heimkehr

Dieses Kapitel enthält die zwei operativ wichtigsten Werkzeuge des Buches gegen Burn-out.

12.1 Das Komfortzonenmodell

Analyse. Fleck übernimmt ein Modell aus der Erlebnispädagogik. Bild: ein Spiegelei. Der Dotter ist die Komfortzone, in der alles vertraut ist und es langweilig werden kann. Das Eiweiß ist die Entwicklungszone, in der Herzschlag und Adrenalin steigen und Wachstum möglich ist, von leichter Nervosität innen bis zu großer Angst am Rand. Jenseits der Kante liegt die Panikzone, in der Angst selbstgefährdend wird und Menschen irrationale Dinge tun, im Bergsport etwa das Seil loslassen [79].

Der entscheidende Punkt für Erschöpfung: Wer einmal in der Panikzone war, dessen Komfortzone schrumpft erheblich. Umgekehrt wächst sie mit jedem Vorstoß ins Eiweiß [80]. Das ist ein Argument gegen Überforderung, das nicht moralisch, sondern funktional ist. Überforderung macht nicht härter, sie macht dauerhaft ängstlicher.

Als Gegenbeispiel beschreibt sie die erste Demo, auf der Herzrasen in Euphorie umschlägt, sobald man in der Menge mitskandiert [81]. Und sie führt Handeln als Angstbewältigung an: Ein Vater und ein Kind, die nachts von Geräuschen gelähmt wachliegen, klettern schließlich auf einen Baum und werfen johlend Scheppersachen hinunter. Ob die Nagetiere verjagt wurden, ist unwichtig. Mit ihrem Lärm haben sie ihre Angst vertrieben [82].

Genau das ist Flecks Rezept gegen A3. Im Interview nennt sie Handlung in der realen Welt ihre Medizin gegen Passivismus-Doom. Das Buch liefert den Mechanismus: Selbstwirksamkeit entsteht körperlich, nicht durch Information.

Konkret:

  • Ordne deine anstehenden Aufgaben den drei Zonen zu. Alles, was in der Panikzone liegt, ist keine Mutprobe, sondern ein Schaden.
  • Erhöhe Anforderungen in kleinen Schritten und plane bewusst Aufgaben im Eiweißbereich ein.
  • Sorge dafür, dass Neues in der Entwicklungszone landen und nicht direkt in der Panikzone. Das ist die häufigste Ursache für sofortiges Wieder-Aussteigen.
  • Wenn dich Nachrichtenlage lähmt, mach etwas Kleines, Körperliches, Reales. Wirksamkeit vor Vollständigkeit.

12.2 Die Heimkehr

Analyse. Fleck formuliert eine Regel, die im Artikel als zentrale Empfehlung wieder auftaucht: Gerade für die engagiertesten Menschen soll jede Aktion mit einer Heimkehr in die Komfortzone abschließen, bevor die nächste beginnt. Erst in den Armen derjenigen, die einen vermisst haben, und beim Erzählen der Geschichten wird vollendet, was erreicht wurde [83].

Theoretisch stützt sie das auf Paul Rebillots gestalttherapeutischen Selbsterfahrungsprozess „A Hero’s Journey“, der inneres Wachstum entlang typischer Stationen begleitet. Am Ende jedes Abenteuers ist ein Schatz geborgen, und zur Integration gehören die Heimkehr, das Begreifen und Abspeichern des Veränderten sowie Anerkennung [84]. Dazu die Entlastung: Die komplette Welt zu retten wird ohnehin nicht gelingen, darauf sollten wir uns keinen Misserfolg einbilden. Aber jede Bewegung bewegt auch etwas [84].

Ihr Schlussritual ist konkret beschrieben: innehalten für Rückblick und Schulterklopfen, bevor die nächste To-do-Liste entsteht. Feiern, füreinander Loblieder singen, sich auch die Geschichten derjenigen holen, die vorher gekämpft haben [85].

Das ist die exakte Entsprechung zu A1 und A4. Der Artikel formuliert es als fehlenden Abschluss und als Selfcare im Sinne Lordes, also als kollektive Erholung. Das Buch liefert das Format.

Konkret:

  • Plant den Abschluss mit ein, bevor ihr die Aktion plant. Termin, Ort, Verantwortliche.
  • Der Abschluss ist keine Auswertungssitzung. Erst Erzählen, Essen und Anerkennung, dann irgendwann Auswertung.
  • Sprecht explizit aus, was sich verändert hat, auch persönlich. Das ist der Teil, den Rebillots Modell „Integration“ nennt.
  • Verbindet euch mit Bewegungsgeschichte. Wer weiß, dass Bergarbeiter*innen 1988 für queere Rechte gestimmt haben, arbeitet in einem längeren Zeithorizont.
  • Verabredet als Gruppe eine Regel: Keine neue Kampagne, bevor die letzte gefeiert wurde.

Flecks Formel dafür lautet: „Let’s be queerful with each other, so we can be dangerous together!“ [86]


13. Der Werkzeugkasten, den das Buch nur nennt

Im Dank listet Fleck Konzepte auf, die aus ihrer Sicht helfen, dass Miteinander in diversen Gesellschaften gelingt, und bittet ausdrücklich darum, die Namen zu verbreiten: Aufstehen gegen Rassismus, Betzavta, Gewaltfreie Kommunikation, Theater der Unterdrückten, Themenzentrierte Interaktion, radikale Höflichkeit, Wheel of Consent sowie die Kommunikationsmodelle nach Thomas Gordon und Friedemann Schulz von Thun [87].

Für Gruppen, die strukturell nachrüsten wollen (A6), ist das die brauchbarste Liste des Buches. Betzavta und Theater der Unterdrückten sind erprobte Formate für Konfliktbearbeitung in Gruppen, Themenzentrierte Interaktion ist ein Leitungsmodell, das Sache, Person und Gruppe systematisch ausbalanciert, und Wheel of Consent liefert eine präzise Sprache für Einvernehmen. Der Artikel fordert Investitionen in interne Evaluation und Coaching. Hier stehen die Ansätze, in die man investieren kann.


14. Was das Buch nicht leistet

Damit es als Handlungsanleitung ehrlich bleibt, gehören die Lücken dazu:

  1. Keine Struktur- und Finanzierungsebene. Fleck arbeitet fast durchgehend auf der Ebene von Haltung, Gruppe und Aktionsdesign. Die Forderungen des Artikels an Vereine, Stiftungen und öffentliche Geldgeber (A6) haben im Buch keine Entsprechung. Wer gegen Kürzungen bei queeren Bildungsprojekten arbeitet, findet hier nichts.
  2. Keine Belege. Empirische Aussagen zu Gewaltforschung, Bewegungsforschung und Gesundheit stehen ohne Quellen. Zwei Zuschreibungen sind nachweislich unpräzise (Frenkel-Brunswik, Extinction Rebellion).
  3. Optimistische Lageeinschätzung von 2022. Fleck argumentiert, dass Staat und Gesetz in Deutschland bis auf wenige Punkte auf queerer Seite stünden und man sich deshalb Spielräume erlauben könne [88]. Diese Prämisse trägt einen erheblichen Teil ihres Deeskalationskapitels. Angesichts der im Artikel beschriebenen Erschütterung des Fortschrittsnarrativs (A7) und angesichts der Lage seit 2024/25 muss man diese Prämisse eigenständig prüfen, bevor man die Empfehlungen übernimmt.
  4. Privilegierte Perspektive, teils selbst benannt. Fleck schreibt ausdrücklich als weiße, westdeutsche Lesbe mit vielen Privilegien [41]. Sie reflektiert das an mehreren Stellen sehr genau, besonders bei den unsichtbaren Grenzen. Ihre Deeskalationsstrategien setzen dennoch Handlungsspielräume voraus, die nicht alle haben.
  5. Behinderung und chronische Krankheit kommen kaum vor. Barrierefreiheit wird gefordert [70], aber nicht ausgeführt. Chronisch kranke und behinderte Menschen, für die Präsenz im öffentlichen Raum die zentrale Zugangsfrage ist, tauchen im Buch praktisch nicht auf. Wer Flecks Ansatz anwendet, sollte diese Lücke bewusst schließen, gerade weil das Draußen-Prinzip sonst zur neuen unsichtbaren Grenze wird.
  6. Der Begriff des Vergnügens hat eine Kehrseite. Wer erschöpft ist, kann sich nicht zur Freude entscheiden. Ein Programm, das Lebensfreude zum Maßstab macht, kann für depressive oder ausgebrannte Menschen zu einer weiteren Anforderung werden. Fleck selbst weist darauf hin, dass cheerfulness ihre Unschuld verloren hat und man sich hervorragend fröhlich fühlen kann, wenn man die Marginalisierten vergisst [89]. Diese Selbstkritik sollte man auf ihr eigenes Konzept anwenden.

15. Kurzcheckliste

Vor der Aktion

  1. Funkelt das vor Vergnügen? Wenn nein: Warum machen wir es, und wer macht es sonst? [7]
  2. Passt es zu unserer Vision, nicht nur zu unserer Kapazität? [13]
  3. Zwei Erfolgskriterien festlegen, eines nach innen. [78]
  4. Zugangscheck: Geld, Uhrzeit, Weg, Raum, Ansprache. [32] [33] [34]
  5. Abschlussfeier terminieren, bevor die Aktion terminiert wird. [83]

Während der Aktion

  1. In welche Rolle werden wir eingeladen, und wollen wir sie annehmen? [50]
  2. Gibt es einen Szenenwechsel statt einer Eskalation? [53] [54]
  3. Grenzen durch Kontext markieren statt durch Verbot. [52]
  4. Niemand muss in der Panikzone arbeiten. [79] [80]

Nach der Aktion

  1. Heimkehr vor Auswertung. Erzählen, essen, würdigen. [83] [84]
  2. Benennen, was sich verändert hat, auch persönlich. [84]
  3. Erst danach die nächste Liste. [85]

Laufend

  1. Verbünden statt helfen, und benennen, was Verbündete gewinnen. [37] [38]
  2. Feindbilder taugen nicht als Bindemittel. [26]
  3. Einen Tag lang „oder“ und „aber“ durch „und“ ersetzen. [69]
  4. Projekte dürfen enden. Gruppen auch. [27]

Anhang: Belege

Alle Seitenangaben beziehen sich auf die PDF-Datei „Queerfulness _ Vom Glück einer solidarischen Protestkultur“ (Querverlag 2022), 52 Seiten. Die Inhaltsangaben sind Zusammenfassungen, keine Zitate.

Nr.PDF-SeiteKapitelInhalt
17WunderlustAus äußerem Antrieb (Welt verändern) und innerem Vergnügen an der Aktion entsteht ein kombinierter Antrieb, der nach Fleck nicht so schnell mit Aktivismus-Burn-out ausbrennt.
250Vom Glück des MachensBild der Wespen im September als Beschreibung von Aktivismus-Burn-out: Alarmpheromone aus dem Internet, klebrige Strukturen, Verglühen am Konfliktherd, leere Hülle.
350Vom Glück des MachensUnsere Ressourcen sind begrenzt, die Verbesserung der Welt ist ein Projekt ohne Ende.
410WunderlustBeobachtung des Werte-Drifts: aus wütenden Linken werden wütende Rechte, Wut bleibt die einzige Konstante; Beispiele Generationenkonflikt unter Lesben und Homonationalismus.
510WunderlustAudre Lordes Argument über die Werkzeuge der Herrschenden; statt Zweck-heiligt-Mittel sollen die Mittel dieselbe Schönheit und Menschenfreundlichkeit haben wie das Ziel.
610 f.WunderlustDas Ziel zum Weg machen; Utopia mit Werkzeugen bauen, die in Utopia geschmiedet wurden.
77WunderlustInventur des eigenen Engagements nach dem Kondō-Prinzip mit der Leitfrage, ob es vor Vergnügen funkelt.
87WunderlustKonkrete Sortierung: Kaufhausbesetzung und Spendenlauf gegen eine Nazi-Demo bleiben, Diskussionen mit Rechten auf Twitter werden ausgemistet.
99Wunderlust„Queerfulness“ wurde in der Gruppe als Prüfwort benutzt, um zu diskutieren, ob eine geplante Aktion queerful genug ist.
106WunderlustLee Strasbergs Rat, nach den Sternen zu greifen, und Geraldine Barons Umdeutung von „be realistic“ als Aufforderung, Träume zu realisieren.
1111WunderlustVisionäres Bacchanal im Januar 2020: Wohnzimmer mit Kissen und Matten, Namen inspirierender Protestkulturen an den Wänden, Pyjamas, Leitfrage nach Träumen ohne Ressourcenmangel, ausdrücklich kein Planen.
1211WunderlustBeobachtung, dass sich die meisten Ideen des Bacchanals trotzdem realisiert haben, weil die entstandene Lust schwer einzudämmen war.
1311WunderlustErst wenn die Utopie sinnlich vergegenwärtigt ist, lässt sich beurteilen, ob eine geplante Aktion zu ihr passt.
1411 f.WunderlustLeo Lionnis „Frederick“ als Bild: Die Maus, die Sonnenstrahlen, Farben und Wörter sammelt, versorgt die Gruppe im Winter.
1512WunderlustAusdrückliche Aufforderung zur Pause vor dem Weiterlesen: es sich gemütlich machen, dösen, träumen, sich erinnern.
1613CommunityfreudenDie Community hat keine Zentrale, keine Generaldirektorin und keine Hauptversammlung; sie besteht aus Menschen, die sich im öffentlichen Raum begegnen.
1714CommunityfreudenDer öffentliche Raum ist politisch; Solidarität lässt sich nur in Begegnung erfahren, draußen weitet sich der Blick auf die Gesellschaft.
1814CommunityfreudenDer Second-Wave-Feminismus belebte die Freundinnenschaft wieder; Feminismus keimte in Frauengruppen und im consciousness raising; Versammlungsfreiheit ist Diktaturen suspekt.
1914Communityfreuden„Boofen“ in der DDR, HipHop auf Blockpartys, Tango, Capoeira, Roller Dance und Voguing als Kulturen marginalisierter Gruppen im öffentlichen Raum.
2015CommunityfreudenRepression unter Bürgermeister Giuliani in New York; zeitweise Verbote von Tango und Capoeira, Auflösung von Roller Jams.
2115CommunityfreudenLockdown 2020: Szenen begegneten sich in Parks; Prinzip „anbieten statt verbieten“ als verpasste Chance.
2218 f.CommunityfreudenOpen Space als Großgruppenmethode; Rollen „Schmetterling“ und „Hummel“, wobei die herumwandernde Hummel als befruchtend statt als störend gilt.
2319 f.CommunityfreudenOpen-Space-Regeln: Wer auch immer kommt, es sind die richtigen Leute; was auch immer geschieht, es ist das Einzige, was geschehen konnte.
2420CommunityfreudenCommunity als Open Space: Räume nach Thema teilen statt um sie kämpfen; Beispiele Cervix-Watching und eine Free-the-Nipple-Party für alle, die etwas zu befreien haben.
2519CommunityfreudenEine heterogene Gruppe, die ihre Verschiedenheit aushält, ist der sicherste Ort; zu homogene Gruppen werden auf Dauer gefährlich.
2619CommunityfreudenDer Irrtum, Gemeinschaft brauche einen Feind; Feindbilder zersetzen Gruppen von innen; „no homo“ als Treten nach unten zur Positionssicherung.
2719CommunityfreudenVertrauen als Nährboden; Gemeinschaft wächst durch gemeinsam durchgestandene Abenteuer; nach der Reise darf die Gruppe auseinandergehen.
2819CommunityfreudenEchte Gemeinschaft bedient beide Bedürfnisse zugleich: Zugehörigkeit und Individualität.
2920Communityfreuden„Happyland“ nach Tupoka Ogette als Ort ohne Diskriminierungserfahrung; dagegen Hannah Arendts Argument, man könne sich nur als das verteidigen, als das man angegriffen wird.
3021CommunityfreudenDie Homogenität solcher Räume (weiß, cis, gebildet, gutverdienend, Pässe des globalen Nordens) fällt den Anwesenden nicht auf.
3121CommunityfreudenSauna-Beispiel: Drei Männer im Whirlpool erzeugen eine faktische Sperre, obwohl die Autorin formal willkommen gewesen wäre.
3222CommunityfreudenDefinition und Reichweite der unsichtbaren Grenze: Sie versperrt den Zugang und wird meist nur von der ausgesperrten Seite bemerkt.
3321 f.CommunityfreudenSoli-Show für LGBT-Geflüchtete: Eintritt nach Selbsteinschätzung sperrt einen mittellosen Freund aus, der selbst eine Fluchtgeschichte hat.
3422CommunityfreudenZu Abendterminen kamen nur trans Männer, weil trans Frauen abends ungern durch die Stadt fahren; Willkommensbekundungen ändern daran nichts.
3522CommunityfreudenFortwirkende Alltagsabwertung durch Witze und Demütigungen; Hinweis auf die höhere Suizidrate unter LGBT+ Jugendlichen (ohne Quellenangabe im Buch).
3623CommunityfreudenSzene aus „Sex Education“: Fast die ganze Schule reklamiert das geleakte Vulva-Bild für sich, wodurch Bestrafung und Mobbing ins Leere laufen und alle Beteiligten empowert werden.
3723CommunityfreudenSolidarität ist Zusammenarbeit auf Augenhöhe; „verbünden“ trifft es besser als „helfen“; Beispiel des im Haushalt helfenden Ehemanns.
3823 f.CommunityfreudenWas Verbündete selbst gewinnen: Heteros verlieren den Druck der Heteronormativität, Männer werden von einer gesundheitsschädlichen Rolle entlastet, Regierungen könnten von indigenem Wissen lernen.
3924CommunityfreudenMentoring zwischen cis und trans Frauen; Bezug auf Juno Roches „Queer Sex“ und Kate Bornsteins „A Queer and Pleasant Danger“.
4025CommunityfreudenAudre Lorde: Niemand ist frei, solange eine einzige Frau unfrei ist, auch bei ganz anderen Fesseln.
4122 f.CommunityfreudenSelbstverortung als weiße westdeutsche Lesbe mit vielen Privilegien und die Folgerung: Wer Empowerment sucht und selbst keines nötig hat, erreicht dieselbe Wirkung durch ein Bündnis mit denen, die Unterstützung brauchen.
4225CommunityfreudenAlltagsübungen: Perspektive und Stammplatz wechseln, sich selbst absichtlich verwirren.
4316CommunityfreudenEskalationskarussell: Hass entsteht aus Angst; wer Menschenfeindlichkeit aushebeln will, soll sich in Menschenfreundlichkeit üben.
4416CommunityfreudenReinheitsvorstellungen als Kern menschenfeindlicher Weltbilder; das Wissen um eigene Verschiedenheit als Gegengift und Coming-out-Geschenk.
4516 f.CommunityfreudenWarnung vor dem Kampf der Buchstabengruppen untereinander und vor dem Prinzip Teile und herrsche.
4617Communityfreuden„trans“ als Denkfigur: „inter“ vermittelt zwischen abgegrenzten Bereichen, „trans“ hat die Grenze bereits überschritten; Beispiel Transkulturalität.
4717 f.CommunityfreudenIdentitäten wachsen an vielen Stellen, sind unterschiedlich gewichtet und permanent im Wandel; mehrere Coming-outs im Lebenslauf sind normal.
4831Im Rausch des SpielensVerweis auf Gewaltforschung: autoritäre Milieus als nächste Eskalationsstufe nach gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit; Autoritäre brauchen Erregung und kennen nur Sieg oder Niederlage (ohne Quellenangabe im Buch).
4931Im Rausch des SpielensWer Gegner*innen wie Mitspielende behandelt, mildert Erregungszustände und bremst Autoritarismus; Angriffe lassen sich wie im Aikido ableiten.
5031 f.Im Rausch des SpielensRollenangebote wirken unwillkürlich: Wer im Eltern-Ich beschimpft wird, antwortet im Kind-Ich; ein diskreter Hinweis lässt eine würdevolle Antwort zu.
5132Im Rausch des SpielensGrenze der Methode: Extremist*innen sind nicht mehr mit Argumenten erreichbar; eine rote Linie ist auch ohne autoritäres Auftreten möglich.
5232Im Rausch des SpielensOccupy Wall Street 2011: Zwei Frauen distanzieren sich mit einem selbstgemalten Schild von einem Antisemiten und flankieren ihn dauerhaft, statt ihn mundtot zu machen.
5332 f.Im Rausch des SpielensAbklatschtheater als Übung, aus derselben Körperhaltung eine völlig andere Szene zu beginnen; trainiert wird der Blick für das Potenzial anderer Szenen.
5433 f.Im Rausch des SpielensTuntenspaziergang Neukölln 2017: Statt einer Prügelszene wählt die Autorin ein neues Rollenangebot, entfernt sich von der Eskalationsstelle und improvisiert bis zum Gruppenfoto.
5534Im Rausch des SpielensNüchterne Bewertung des Ausgangs und die Regel, dass man das Ende eines Stückes kennen muss, um eine Szene spielen zu können.
5627Im Rausch des SpielensIm Spiel lassen sich Dinge intuitiver und zugänglicher verhandeln als in Texten und Theorien, weil Stimme, Körper und Emotion mitspielen.
5727Im Rausch des SpielensAbgesagter Motto-Tag „Genderswap“ nach Protest, das Thema zementiere Binaritäten und sei trans- und interfeindlich.
5828 ff.Im Rausch des SpielensAusgemaltes Gegenszenario mit zahlreichen Figuren, die durch das Spiel Erfahrungen über Gender, Begehren und die eigene Identität machen.
5934Im Rausch des SpielensSchlussaufforderung des Kapitels, nicht vor Social-Media-Hate sitzen zu bleiben, sondern rauszugehen und zu spielen.
6030Im Rausch des SpielensDie Protestgruppe mit „Stop Genderswap“-Schild wird durch den vorbeilaufenden Kontext selbst zur Illustration einer cis-heteronormativen Botschaft.
6130 f.Im Rausch des SpielensDiskurse ändern sich, nicht alle sind auf dem Stand; auf der Bühne gilt es als schlechter Stil, andere auf Texthänger hinzuweisen, besser wird weiterimprovisiert.
6238AmbiguitätsvergnügenAmbiguitätsintoleranz, im Buch „Elsa“ Frenkel-Brunswik zugeschrieben und in die deutsche Nachkriegszeit verlegt; autoritärer Charakter nach Erich Fromm.
6338 f.AmbiguitätsvergnügenSeuchenparabel: Korrigierte Empfehlungen lösen bei Ambiguitätsintoleranten Lügenvorwürfe aus, am Ende landen die Heilerinnen auf dem Scheiterhaufen.
6439 f.AmbiguitätsvergnügenAmbiguitätstoleranz als lebenslang trainierte Kompetenz marginalisierter Gruppen, die fehlende Repräsentation still umdeuten.
6540Ambiguitätsvergnügen„Ben Hur“ 1959: Gore Vidal legt einen homoerotischen Subtext an, den nur ein Darsteller kennt; daraus die Einsicht, dass Menschen in verschiedenen Filmen spielen.
6641AmbiguitätsvergnügenForderung nach Ambiguitätsvergnügen statt bloßer Toleranz: Mehrdeutigkeit soll nicht ertragen, sondern genossen werden.
6743 f.AmbiguitätsvergnügenSelbstkritik: Die erlernte Sicherheit im Erkennen von Butches wurde zum neuen Dogma gegenüber einer nicht-binären Person, die um das Pronomen „er“ bat.
6844AmbiguitätsvergnügenEingeständnis, dass Ambiguitätstraining anstrengend ist und die Sehnsucht nach festem Boden verständlich; die Belohnung ist Horizonterweiterung.
6945AmbiguitätsvergnügenÜbung: einen Tag lang auf „oder“ und „aber“ verzichten und beides durch „und“ ersetzen.
7047Vom Glück des MachensDemo als Volksfest ist ein Erfolgssignal; wer Massen braucht, muss so barrierefrei gestalten, dass sich die verwundbarsten Teile der Gesellschaft sicher fühlen.
7147Vom Glück des MachensVerweis auf Extinction Rebellion: Wirksam sei die Kombination aus zivilem Ungehorsam einer kleinen Gruppe und einer demonstrierenden Mehrheit mit derselben Forderung.
7247Vom Glück des MachensSrđa Popović und Otpor!; nur gewaltfreier Widerstand führe zum Ziel, weil Kampf das Heimspiel menschenfeindlicher Bewegungen ist.
7347Vom Glück des MachensAusdrückliche Feststellung, dass Selbstverteidigung bei Angriffen richtig bleibt, mit Verweis darauf, dass Queers sich bei Stonewall zur Wehr gesetzt haben.
7448Vom Glück des MachensPride verwandelt jährlich Scham in Stolz; das Befrieden der Vorstufen von Gewalt und das Lahmlegen der Legitimationsbasis des Hasses wirken nachhaltiger.
7548Vom Glück des MachensIn einer Demokratie ist jede noch so kleine Partizipation wertvoll, auch ohne vorzeigbares Ergebnis.
7649Vom Glück des MachensStonewall 1969: Aus der Gegenwehr entstand das Momentum, weiter für die eigenen Rechte zu kämpfen.
7750Vom Glück des MachensLesbians and Gays Support the Miners 1984; die entstandene Solidarität führte 1988 zur Unterstützung durch Bergbauleute im Kampf gegen Clause 28.
7850Vom Glück des MachensTransparent „Cis? Trans? Allianz!“ 2019: Die Allianz hatte sich im gemeinsamen Tun bereits hergestellt, unabhängig von der Außenwirkung.
7948Vom Glück des MachensKomfortzonenmodell aus der Erlebnispädagogik mit Komfortzone, Entwicklungszone und Panikzone im Bild des Spiegeleis.
8048 f.Vom Glück des MachensEin Aufenthalt in der Panikzone lässt die Komfortzone erheblich schrumpfen; jeder Vorstoß in die Entwicklungszone lässt sie wachsen.
8149Vom Glück des MachensErste Demo als Beispiel: Herzrasen schlägt in Euphorie um, sobald man mitskandiert.
8249Vom Glück des MachensHandeln als Angstbewältigung: Der Lärm vom Baum vertreibt nicht sicher die Tiere, aber verlässlich die Angst; wer etwas wagt, wächst.
8350Vom Glück des MachensJede Aktion soll mit einer Heimkehr in die Komfortzone abschließen; erst im Erzählen bei einem Festmahl wird vollendet, was erreicht wurde.
8450 f.Vom Glück des MachensPaul Rebillots „A Hero’s Journey“; zur Integration gehören Heimkehr, Begreifen und Anerkennung; die Welt komplett zu retten gelingt ohnehin nicht, doch jede Bewegung bewegt etwas.
8551Vom Glück des MachensAbschlussritual vor der nächsten To-do-Liste: Rückblick, Schulterklopfen, Feiern und das Aufgreifen der Geschichten früherer Kämpfe.
8651Vom Glück des MachensSchlussformel des Buches über gegenseitige Queerfulness als Voraussetzung dafür, gemeinsam gefährlich zu sein.
8751DankListe empfohlener Konzepte: Aufstehen gegen Rassismus, Betzavta, Gewaltfreie Kommunikation, Theater der Unterdrückten, Themenzentrierte Interaktion, radikale Höflichkeit, Wheel of Consent, Gordon, Schulz von Thun.
8831Im Rausch des SpielensEinschätzung von 2022, dass Staat und Gesetz in Deutschland bis auf wenige Rechte auf queerer Seite stehen und deshalb Spielraum besteht.
899Wunderlust„cheerful“ und „mindful“ haben ihre Unschuld verloren; neoliberale Fröhlichkeit funktioniert, indem sie Marginalisierte vergisst.
908 f.WunderlustEntstehung des „Summer of Queerfulness“ aus einer Begegnung auf einer Mieter*innendemo; das Gründungsversprechen lautete gegenseitige Unterstützung, inspiriert vom Film „Pride“.

Externe Quellen (außerhalb des Buches)

  • Eleonore Foss: Community kostet Kraft: Warum leiden so viele an Aktivismus-Burn-out? SIEGESSÄULE, 28.08.2026. Mit Juliane Rosin (LesbenRing e. V.) und Cornelia Fleck.
  • DIW Berlin / Universität Bielefeld: Geringere Chancen auf ein gesundes Leben für LGBTQI*-Menschen. DIW-Wochenbericht 6/2021, Datenbasis SOEP 2019 und Online-Befragung.
  • Else Frenkel-Brunswik: Konzept der intolerance of ambiguity, 1949; Mitautorin von „The Authoritarian Personality“ (Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson, Sanford), Harper & Brothers, New York 1950, entstanden an der University of California, Berkeley.
  • Erica Chenoweth / Maria J. Stephan: Why Civil Resistance Works, Columbia University Press 2011; Grundlage der von Extinction Rebellion popularisierten 3,5-Prozent-Regel, mit der fachlichen Einschränkung, dass sich die Daten überwiegend auf Regimewechsel in autoritären Kontexten beziehen.

Gefährliche Kleinigkeiten

Zwei Dinge nehmen mich gerade ziemlich mit.

Das eine sieht aus wie eine Nebensächlichkeit. In einem gruppeninternen Chat hatte ich – zum wiederholten Male – angemerkt, dass ich mich durch „generisches Maskulin“ ausgeschlossen fühle, ignoriert, nicht mitgemeint.

Es sind immer die gleichen paar Leute, und sie sind nicht bösartig. Das macht es sogar schlimmer. Es sind nette Menschen, „die mich mögen und wertschätzen“, was ich ihnen auch glaube. Die nur eben nicht soweit verinnerlichen, dass mich diese „Flüchtigkeitsfehler“ durch ihre Stetigkeit treffen, und ich nicht sehe, dass sie sich wirklich bemühen, es zu verbessern. Also nicht nur – zum wiederholten Male – beteuern, dass es ja „so neu und ungewohnt“ sei (seit Jahren) und sie doch die ganzen Jahrzehnte „nicht gegendert“ hätten und dass ich doch Geduld haben solle – und sie vor allem nicht „im Gruppenchat vor allen an den Pranger stellen“. Verdrehte Welt.

Und ja, ich verstehe und fühle mit, wenn jemand gerade nervlich stark belastet ist durch viele schwere Sachen und dann mal nicht andere mitdenkt. Kann passieren. Allerdings passiert es auch in guten Zeiten. Einfach regelmässig. Es ändert sich nichts, seit Jahren. Dass das mich nervlich belastet, ist offenbar kein gewichtiges Kriterium, jedenfalls von ihnen aus gesehen.

Getroffen hat mich auch die Reaktion von anderen. „Also ich fühle mich angesprochen“. Übersetzt: Stell dich nicht so an, du bist hier die seltsame Person, deine Bedürfnisse und Gefühle sind nebensächlich. Eine Person entschuldigte sich damit, dass sie ja im Alltag nicht gendern könne. Ihre Kunden würden das nicht akzeptieren. Ahja?

Ist es verständlich, dass ich meine Hoffnungen stark nach unten korrigiere, ob und wie sich diese Menschen irgendwo, irgendwann für mich und meinesgleichen stark machen werden, wenn es gilt? Ab wann werden meine Belange relevant genug, um mitgedacht zu werden? Wenn alle anderen Probleme gelöst sind, oder wenn es für Menschen wie mich gefährlich wird und es vielleicht wirklich etwas kostet, für uns zu reden? Würden „die Kunden“ das dann akzeptieren? Gibt es eine Hierarchie von Teilhabe? Erst die Tempo-30-Zonen, dann die Gleichbehandlung queerer Menschen?


Das zweite ist die Buchankündigung von Philipp Ruch, „Der Rückfall“ (Autorenwelt↗), warum der überraschende Zugewinn der NSDAP in den Wahlen von am 14. September 1930 passierte und was wir daraus lernen könnten. Die Leseprobe (PDF↗) ist bereits eindrücklich, danach habe ich das epub spontan geholt, ausserdem die Schriften von Alfred Kerr, darunter die erwähnte „Diktatur des Hausknechts“ von 1933.

—— Zitat
Hitler: das ist der Mob, der Nietzsche gelesen hat. Das ist Mussolenin ım Ausverkauf. Das ist der Ochlokrat, der den „Individualisten“ äfft. Das ist die Brutalität per Nachmachung.

Verschlagen, wie es der sog. dumme Kerl sein kann; und verschlagen aus menschlicher Niederung: in die Herrschaft.

Dies denkend lag ich im Grunewald mit Grippe zu Bett. Ein Telephonruf teilte mit: Der Pass wird mir entzogen. Trotz 39 Grad Fieber raus aus dem Bett, nur einen Rucksack über, mit dem Allernötigsten.
Nach dreieinhalb Stunden war ich in der Tschechoslowakei.

[…]

Jede Diktatur schafft sich einen gemeinsamen Feind. Einen im Innern, einen im Äussern. Spannendes Mittel zum Sammeln: etwas für das „Ziel Aller”; Kniff zur Ablenkung. Diesmal steht der eine Gegner im Verhältnis von 1 zu 100. Die Rettung vor den feindlichen Bolschewisten ist Schwindel — von Bolschewisierenden. Später wird der „Feind” im Ausland stehn.
Dort endet es.

Das Lockmittel heisst indess: nationale Erhebung. Es gab jedoch in Deutschland nationale Erhebungen, die sauber gewesen sind. In den Befreiungskriegen zeigte sich höchster Opfermut eines von Napoleon ausgesogenen Volkes — ohne Schmierigkeit. Ohne viehische Beitat. Ja oder nein?

Diese Unterscheidung wird von den Deutschen der Gegenwart nicht mehr gemacht. Sie haben eine Kartenlegerreligion — die jede letzte Gemeinheit entschuldigt.

Was ist hier das Melancholischste? Nicht, dass Grauenhaftes geschieht; sondern dass fünfundsechzig Millionen es mitansehn; es in Kauf nehmen; einstecken; jede Lumpentat mitmachen.

Viele zwar zittern vor dem Revolver, vor Verschleppung, Misshandlung, wirtschaftlicher Vernichtung; denen soll verziehen sein. Kein Verzeihen aber gibt es, in Ewigkeit, für die Andren: wenn sie zwar die „Erhebung” bemerken, jedoch keineswegs deren Art…
—— Ende

„Ochlokratie“ musste ich nachschlagen: „eine Herrschaftsform, bei der eine Masse ihre politischen Entschlüsse als Mehrheit oder durch Gewalt eigennützig durchsetzt.“ (Wiki↗). Es klingt so ähnlich wie Arschloch-Kratie. Nach Polybios ist die Ochlokratie eine Verfallsform der Demokratie. Dabei gehe die Orientierung am Gemeinwohl verloren, stattdessen würden Eigennutz und Habsucht das Handeln der Bürger*innen bestimmen.

In 10 Tagen wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Ich verbringe meinen Urlaub regelmässig direkt an der niedersächsischen Landesgrenze kurz vor Salzwedel. Es könnte sein, dass in einigen Wochen oder Monaten die Grenze meiner Sicherheit genau dort endet, weil eine rechtsextremistische Landesregierung queeren trans Personen das Leben sauer machen und sie genauso vertreiben und unterdrücken will, wie „nichtdeutsche“ (nach ihrer Definition).

Und dann frage ich mich, was hier passiert wird. Wenn das schluckweise rüberschwappt und mehr Menschen hier sich denken, „naja, da könnte was dran sein“. Was dann die Leute im Gruppenchat machen, die mich „mögen und wertschätzen“, aber mich nicht nachvollziehen und sich deshalb nicht an die praktische Wertschätzung gewöhnen können, die sich nicht tangiert fühlen, und deren Kunden es nicht akzeptieren würden.

Alfred Kerr schrieb 1938 „Die wahren Schuldigen“:

—— Zitat
Gestank und Schmuß und Hitlergruß
Sind etwas schwer zu Leidendes;
Doch steht die Welt Gewehr bei Fuß
Und tätigt nichts Entscheidendes.
Im welken Erdengarten,
Da starren sie und warten.

Ist dieses Leben längst verbraust,
Erheb’ ich mich als Leiche
Und schüttle meine fahle Faust,
Tappend im Totenreiche,
Und klage vor dem Weltgericht:
„Der Täter war der Schlimmste nicht!
Wer das Schlimmste verschuldet hat,
War der, der alles geduldet hat!”
—— Ende

Hannah Arendt diskutierte sieben Jahre später, noch vor dem Ende der Nazi-Regierung, in „Organsierte Schuld“ (PDF↗) die vergleichsweise mühelose Einbeziehung „ganz normaler Deutscher“ in die Mord- und Terrormaschinerie. Sie nennt sie die Familienmenschen und Spiesser, denen einfach der Blick auf das Wohl der eigenen Familie so wichtig war, dass sie mit der Zeit, schleichend, jegliche Bedenken über Bord werfen konnten, und, so ihr Empfinden, da eh „nur ein kleines Rädchen“ waren, nicht die wirklcihen Täter (ohne *).


Nein, meine kleine Chatgruppe sind keine solchen Spiesser, sondern überzeugte Demokrat*innen mit humanistischen Überzeugungen, und die Verhältnisse sind längst nicht so wie 1945, 1938 oder 1933. Aber vielleicht ist die Lage im Land ein bisschen wie kurz vor dem 14. September 1930, als die NSDAP von 2,63% auf 18,3% der Stimmen springt und 107 von 577 Mandaten holt.

Und an dieser Stelle frage ich mich ein bisschen, wie viele Demokrat*innen mit humanistischen Überzeugungen nach 1930 und 1933 einfach noch leiser wurden, „als die Nazis die Kommunisten holten…“ (Niemöller↗), und wünsche mir, dass die heutigen Menschen jetzt schon üben, nicht zu schweigen, sondern alle anderen mitzudenken. Insbesondere die von ihnen verschiedenen.

Das ganze beschäftigt mich schon eine Weile. So stark, dass ich es in eine Romanform gebracht habe, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen über wiederkehrende Muster. Das Buch ist frei, CC BY-NC-SA 4.0. Die neueste Fassung liegt stets hier:
https://enby-box.de/Die_machen_was_mit_dir/Die_machen_was_mit_dir.epub
und
https://enby-box.de/Die_machen_was_mit_dir/Die_machen_was_mit_dir.pdf

Zu wenig Ahnung, zu viel Meinung (Hormone, Psyche, Nichtbinarität, Fluidität, plurale Menschen)

Es gab einen Forenbeitrag, weil gefragt wurde, was denn Genderfluidität eigentlich sei. Gefragt hatte eine binäre, trans Frau (btF). Jene btF hat erhebliche Schwierigkeiten, andere als binäre Identitäten nachzuvollziehen.

Insbesondere als ich einen aktuellen Artikel des Queer-Lexikon für Beispiele anführte, war es mit dem Verständnis ganz vorbei. Die Antwort bestand aus u.a. folgenden Statements (paraphrasiert wg Anonymität):

  • Da brauchen aber welche dringend Therapie
  • Was die beschreiben ist entweder normal oder klingt nach psychischen Auffälligkeiten
  • Wer sich andauernd umentscheidet hat zu viele Ideen oder ADHS
  • Hormone wegen Dysphorie zu wollen ist unverantwortlich
  • „unter Umständen irreversible Veränderungen“
  • Solche Statements sollten entsprechend kommentiert werden, sonst macht das noch jemand nach
  • Es sollte immer professionelle Hilfe geben
  • Sich andauernd mit sich selbst zu beschäftigen ist doch krank, traumatisiert
  • Leute müssen vor sich beschützt werden, sonst machen sie Fehler und begehen Suizid

Das ist natürlich wirklich arg. Deshalb habe ich ausführlich geantwortet:


So sehr ich deinen Wunsch nach Fürsorge und fachlicher Unterstützung für trans Personen und Menschen mit psychischen Problemen schätze, schiesst du hier nach meiner Erfahrung(1) erheblich über das Ziel und die Realität hinaus.

Es erinnert mich ein wenig an einen Freund, studierter Mediziner aber nach dem praktischen Jahr in der Klinik abgebrochen. Er hatte viel gesehen und gelernt und war in BDSM Kreisen berüchtigt für seine Sicherheits-Regeln, mit einer sehr festen Meinung, was geht und was nicht – und zwar generell und für alle. Ein anderer Mediziner-Freund mit jahrelanger Berufspraxis kommentierte damals: „Er hat gelernt, woran Menschen alles sterben können, aber noch nicht die Erfahrung, was Menschen alles überleben“.

Also tl;dr es ist in der Praxis eigentlich nicht so dramatisch, wie du es dir offenbar ausmalst. Dafür ist häufig anderes schlimm.

Thema Hormone

Erst mal: Bei Hormonen kannst du rein körperlich-medizinisch fast nichts kaputt machen. Die Risiken für echten Schaden sind gering, ebenso die Quoten und treten idR langsam beginnend und nach Monaten oder Jahren falscher Medikation auf, und quasi nie bei den körperidentischen Hormonen in gängiger Dosierung.

Hint: Jeweils eine Hälfte der cis Bevölkerung lebt mit dem jeweiligen Hormon ziemlich gut. Das sind schon mal ca. 96% der Menschheit. Ca. 80-90% der trans Bevölkerung(2), ca. 1-3% absolut, wollen genau die „unter Umständen irreversiblen Veränderungen“. Die anderen wollen keine HET.

Ich kenne keine trans Person, siehe (1), die sich keine Gedanken gemacht hätte, was eine HET körperlich bewirkt. Im Gegenteil sind die meisten Fragen genau danach wann, was, wie viel. Zu den anderen Folgen weiter unten.

Den meisten Körpern ist es ziemlich egal, ob sie auf Estradiol oder Testosteron laufen. Die Hauptaufgaben bei Knochenbau, Blut, etc machen beide. Das bedeutet, dass eine transgeschlechtliche Hormonersatztherapie (tgHET) keine einmal-für-immer Entscheidung ist. Sie kann begonnen, moduliert, unter- oder abgebrochen werden.

Leider ist das medizinische Fachwissen zu tgHET ziemlich dünn. Die Sample für Studien sind klein, es gibt kaum Finanzierung und die Settings sind kaum vergleichbar. Noch dünner ist das Fachwissen bei den Ärztys. Auch bei den Endos. Es gibt wenige, die längere Erfahrung haben und noch weniger, die sich fortbilden.

Die meisten arbeiten einfach nach Leitlinie und Empfehlungen. Das bedeutet: Mach ne Baseline, starte mit diesen Medis (Hormon als Gel, ggf Blocker) und Dosierungen, geh nach dieser Referenztabelle, bis x ng/ml erreicht sind. Und das erst alle drei Monate, dann sechs und bei einigen sogar nur einmal pro Jahr.

Das führt regelmässig zu schlechter Betreuung. ZB zu viel Blocker und gerade im Beginn (Titrationsphase) zu wenig Estradiol. Folge: Depressive Schübe, Antriebslosigkeit etc. Und es gibt nicht wenige mit der Meinung, gerade bei transfemininen Personen die Östrogenlevel senken zu wollen. „Weil das bei cis Frauen ja auch so ist, mit der Menopause“. Das ist genauso völliger Unfug wie die „Pillenpause“.

Ach ja, die Bluttests. Die sind vor allem zur Absicherung. Zwei trans erfahrene Endos haben es mir so erklärt: Wir gehen hier eine jahrelange Verpflichtung ein. Im Leben kann alles mögliche aus allen möglichen Ursachen passieren. Die Kassen und Versicherungen gucken dann nach „Abweichungen“ vom Normal und versuchen Verantwortliche zu finden, die Schuld und Kosten übernehmen. Wenn ich die Tests nach Leitlinie mache, kann ich sagen „ich bin nicht schuld, ich hab alles nach aktuellen Vorgaben gemacht“. Funktioniert bei vielen anderen chronischen Patientys übrigens genauso.

Ansonsten kannst du nur feststellen, ob und wie viel von den Hormonen tatsächlich im Blut ankommt. Das ist aber bei „alle paar Monate“ nur ein Schnappschuss.

Fazit: tgHET ist kein Hexenwerk. Die gesundheitlichen Risiken sehr begrenzt. Die Profis haben häufig nicht mehr Ahnung als ihre Klientys und können bei individuellen Bedarfen keine angepasste Behandlung anbieten. Tatsächlich ist das Community-Wissen häufig besser und war schon etliche Mal nötig, um „Profis“ zum Update ihrer Vorgehensweise zu nötigen. Unzählige trans Personen fangen selbstbestimmt eine HET an, weil persönliche Umstände nicht zum System passen. Ich kenne viele. Allen geht es gut.

Thema Psyche

Gleichzeitig sind die emotionalen, seelischen und sozialen Folgen einer tgHET nicht zu unterschätzen. Aber auch dazu braucht es nicht unbedingt eine Therapie. Zumal – wie oben – nur die wenigsten Therapeutys wirklich Ahnung haben, wie es sich wirklich als trans lebt. Selbst wenn sie viele trans Personen auf ihrer Listen haben/hatten, sind sehr viele in cis, binären und hetero-orientierten Mustern verhaftet(3).

Trans zu sein ist keine Störung. Es lässt sich auch therapeutisch nicht beseitigen. Trans als Scheinausweg aus anderen psychologischen Gründen ist sehr selten und erledigt sich in der Regel innerhalb der eigenen Testphase. Lange bevor HET richtig einsetzt oder gar OPs passieren. Mal abgesehen davon, dass vor OPs zwingend psych. Indikationen stehen.

Der eigentliche Bedarf besteht in der Begleitung durch die Transition und im Ankommen in einem neuen Normal. Die Schwierigkeiten ist nicht trans zu sein, sondern mit der cis Umwelt und ihren Verständnismängeln für uns klar zu kommen.

Die wirkliche Begleitung findet deshalb zumeist in trans und peer Beratungen, SHGs und Online-Gruppen statt. Weil da Leute sind, die die Situationen wirklich kennen und nachvollziehen können. Siehe hier im Forum zB die Threads zum Thema „ich bin bis jetzt in einer hetero-Beziehung. Was wird da jetzt draus. Mein Partny ist doch hetero“. Auch „wann und wie oute ich mich auf der Arbeit?“, „Ab wann benutze ich die andere Toilette/Dusche?“, „dieser eine Mensch misgendert und deadnamed mich ständig“, usw. sind typische, wiederkehrende Themen überall.

Das hat aber alles nur begrenzt mit tgHET zu tun. Ein Therapiezwang ist daher ziemlich überflüssig. Aufklärung und Beratung sind prima, und informed consent nachweislich ausreichend.

Fazit: Trans Personen wissen in der Regel was sie wollen. Sie kennen normalerweise auch die Konsequenzen und stellen sich die richtigen Fragen. Leider haben die meisten „Profis“ weder die Kompetenz noch die Erfahrung und das Einfühlungsvermögen, diese Fragen qualifiziert zu beantworten. Das meiste Wissen ist in den Communities und Verbänden.

Thema Eigenverantwortung

Dann: Uns allen wird im normalen Leben ziemlich viel Eigenverantwortung zugetraut und abverlangt. Wohnung, Nahrung, Gesundheit und genug Geld, um das alles zu bezahlen. Wenn du dich nicht selbst kümmerst, tut es kaum wer anders. Es sei denn, du beeinträchtigst deren Leben. Dann wollen sie dich eher aus dem Weg haben.

Aber keinein wird dich zwangsbeschützen, wenn du einen Job annehmen willst, heiraten, ein Kind in die Welt setzen, deine Ersparnisse ausgeben, eine gefährliche Sportart machen, in der Fremdenlegion anheuern, in eine Sekte gehen oder ne Menge ungute Substanzen konsumieren.

Also warum sollte das ausgerechnet bei Menschen passieren, die eine andere Wahrnehmung von Geschlecht haben und ihr Leben deshalb anders origanisieren? Mit oder ohne HET oder anderen Massnahmen?

Woher käme das Recht dazu und wo ist der Unterschied zum früheren „Homosexuelle Menschen sind psychisch krank und müssen deshalb zwangstherapiert werden“?

Wir haben die Freiheit, auch „Dummheiten“ zu machen. Fehlentscheidungen zu treffen. Viele davon erzeugen „unter Umständen irreversible Veränderungen“; nicht nur körperlich. Diese Freiheit ist elementar wichtig für Artikel 2(1) GG: “ Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

In einer idealen Welt gäbe es zum einen leicht zugängliche und qualitativ hochwertige Information und Aufklärung zu allen Themen im Vorfeld, und zum anderen ebenso leicht zugängliche und qualitativ hochwertige Hilfe und Beratung, wenn was schief geht.

In der Realität gilt sowohl für seelische Probleme, als auch für TIN*, dass weder das Vorfeld noch die Krisen von „den Profis“ ausreichend abgedeckt wird. Der Großteil wird von ehrenamtlichen und Selbsthilfe geleistet, die häufig genug „die Profis“ auf den aktuellen Stand des Wissens und der best practices einnorden müssen.

Thema Umgang mit Vielfalt

Ich erlebe immer wieder, dass Menschen anderer Leute (Selbst)Wahrnehmung sofort und ausschliesslich auf sich anwenden, ihre eigene begrenzte Weltsicht und internen Bewertungen, und reflexartig entscheiden „oh wie schlimm, da muss eins doch was gegen tun“. Nein. Die hauptsächliche Frage ist, ob und wie die Person mit sich klar kommt. Geht es ihr gut bzw sogar besser oder empfindet sie einen Leidensdruck? (DSM: B-Kriterien)

Gute Therapeutys lernen ziemlich früh, ihren Behandlungsauftrag zu definieren. Erste Frage: Habe ich überhaupt einen? Hat die Person mich explizit gebeten, mich mit ihr und dem Thema zu beschäftigen? Nächste Frage: Was möchte diese Person verändern und habe ich möglicherweise geeignete Vorschläge und Methoden anzubieten?

Alles andere ist übergriffig und unprofessionell. Sogar möglicherweise ein Behandlungsfehler. Auch wenn es in den Fingern juckt und es doch – nach den eigenen Vorstellungen – da diese behandlungsbedürftige Baustelle gibt und so und so viel besser wäre.

Wir sollten dieses Prinzip mMn auch als nicht-Profis anwenden. Menschen sind ungeheuer vielfältig und haben unglaublich vielfältige und persönliche Weisen, mit ihrer Biografie, ihrer Umgebung und sich selbst klar zu kommen. Infinite Diversity in Infinite Combinations. Wir können ein- oder zweimal einen Vorschlag machen oder Beispiel geben, aber einmischen, unverlangte Diagnosen stellen oder Therapiebedürftigkeit zu attestieren, ohne die Menschen genau zu kennen und ohne gefragt worden zu sein ist, wie gesagt, übergriffig. Auch als nicht-Profi.

Wenn wir etwas nicht so richtig verstehen, steht vor der Beurteilung die Pflicht zur Selbstaufklärung. Bis das Thema ausreichend verstanden ist mit Fakten, Hintergründen, Motiven und erlebter Realität. Also erst mal eine Menge Fragen.

Manchmal stellen wir fest, dass bestimmte Konzepte auch nach vielen Fragen einfach ausserhalb unseres Horizonts bleiben. Geht mir mit der Stringtheorie so. Ich weiss nur, dass es sie gibt und ein paar Faktensplitter. Da enthalte ich mich jeglicher Meinung und stelle höchstens ein paar Fragen.

Manche Dinge sind so komplex und veränderlich, dass es unglaubliche viel Zeit und Aufwand braucht, sie qualifiziert zu erschliessen. Geht mir mit „dem Nah-Ost-Konflikt“ so. Das lasse ich an mir vorbei gehen. Ich muss keine Meinung haben und es ist mir den Aufwand nicht wert, mich so aufzuschlauen, dass ich tatsächlich mitreden könnte. Kurzgeschlossene Stammtischmeinunngen sind aber mE von übel.

Manches können wir verstehen, nachvollziehen, emulieren, auch wenn wir es innerlich nicht nachfühlen können; höchstens mit Analogien. Geht mir mit Religiosität so – und mit (binärem) Geschlechtsempfinden. Hier kann ich sachlich diskutieren, weil ich viel Zeugs gelesen habe. Hier traue ich mir eine Meinung zu, soweit mich das Thema persönlich betrifft. Den emotionalen Teil, den ich nicht nachempfinden kann, lasse ich bei den anderen. Ich kann ihn für sie wertschätzen, aber jedes Urteil meinerseits wäre unangebracht.

In Kurzform: Äussere dich nur zu dem, was du wirklich verstehst und zwar auf dem Level deines Verständnisses. Ansonsten höchstens Fragen, Offenheit und Lernbereitschaft.

Thema Gendefluidität und andere Formen von Nichtbinarität

Es gibt unzählige Versuche, Geschlechtsidentitäten zu systematisieren. Das einfachste ist noch das Gender Unicorn oder auch die Gender Bread Person. Die können zum Beispiel schon mal die Unterscheidung zwischen Identität, Präsentation, körperlichem und Amtsgeschlecht. Abgegrenzt von der sexuellen und romantischen Orientierung.

Das ist aber für einige Menschen nicht ausreichend. Allein die Frage, ob, wie und was überhaupt Menschen als „Geschlecht“ empfinden ist unglaublich komplex. Es spielt interne und externe Körperwahrnehmung rein, emotionale Grundstimmung, situationsabhängiges Verhalten, erlernte und erlebte Muster und die mit ihnen verknüpften positiven und negativen Gefühle, und das alles komplex verwoben mit gesellschaftlichen Konventionen, die alles und alle binär vergeschlechtlichen.

Geschlecht als nur männlich oder nur weiblich ist vollkommen unzureichend für Menschen, die sich nicht eindeutig dem einen oder anderen zuordnen können. Natürlich beschäftigen sie sich dann damit, denn alles, was emotional nicht passt bzw unzufrieden macht, wird dadurch immens wichtig. Geschlecht, Job, Familie, Beziehung, Sex.

Es ist vergleichsweise sehr einfach, in einem binären Geschlecht zu leben, trans oder nicht. Die Welt ist darauf eingerichtet, du kannst dich darin bewegen wie ein Fisch im Wasser. Es gibt unzählige Vorbilder und Vorgaben, Alltagsrituale, Strukturen und Räume, die entsprechend gelabelt sind. Die trans Hauptfrage ist, ab wann du dich traust, die andere zu benutzen und ob das klappt.

Wenn aber beim besten Willen weder das eine noch das andere passt, dann bist du erst mal auf dich selbst geworfen, dich zu beobachten, zu finden, irgendwie zu positionieren. Sprich: Im Gegensatz zu gender-binären Personen müssen wir nichtbinären an dieser Stelle sehr viel stärker über uns nachdenken. Deshalb kommen wir auch zu vielen individuellen Erkenntnissen, die binäre Menschen gar nicht benötigen.

Einige stellen fest, dass die geschlechtliche Empfindung zwischen und_oder ausserhalb von männlich und weiblich fluktuiert; genderfluid. Einige bemerken, dass die Intensität stark schwankt, also auch die Bedeutung der eigenen Wahrnehmung; genderflux. Einige finden keinen Bezug zu männlich/weiblich sondern verknüpfen ihr Gender anderswo. Zum Beispiel autigender, weil ihr neurodiverses Gehirn die Welt ganz anders wahrnimmt.

Diese Wahrnehmungen sind erst mal valide, Punkt. Es ist die ihnen bestmögliche Beschreibung dessen, was ihnen die Welt als geschlechtliche Positionierung abverlangt. Wenn cis und_oder binäre Menschen damit nichts anfangen können: Deren Problem. Deshalb sind sie noch lange nicht pathologisch oder Folge irgendwelcher behandlungsbedürftiger Störungen.

Binäre Geschlechtsidentität ist ja nun auch nicht besser erklärbar. Nur häufiger und vor allem weniger hinterfragt. Aber bisher ist noch jedes Gespräch ausgehend von der Frage „wie stellst du denn fest, dass du [dein Gender] bist?“ über biologisches und Stereotypen schlussendlich bei „ich weiss das eben“ gelandet. Also bitte nicht so überheblich.

Wer es nicht nachvollziehen kann: Es gibt Lesestoff und Möglichkeiten zu fragen. Aber Be- und Verurteilungen dürfen wir uns verbitten.

Thema plurale Menschen

Ganz wichtig: Genderfluidität und Pluralität haben erst mal nichts miteinander zu tun. Zwei ganz verschiedene Konzepte, die zufällig gemeinsam auftreten können.

Ich kenne ein paar Systeme. Also mehrere Persönlichkeiten, die sich einen Kopf und Körper teilen. Und klar, der erste Impuls ist Schizophrenie, multiple bzw dissoziative Persönlichkeitsstörung, usw.

Zum einen: In von westlicher Psychologie der Neuzeit unbelasteten Gesellschaften wird/wurde das teilweise ganz anders betrachtet. Nicht als Problem, sondern als Gabe und Bereicherung. Das macht das Leben dieser Systeme erstaunlich viel einfacher, wer hätte das gedacht *SarkasmusFähnchen*.

Heisst: Nicht alle Systeme sind behandlungsbedürftig und vor allem ist nicht „Integration“ oder die Fabrikation einer Mono-Persönlichkeit automatisch das Ziel. Erfreulicherweise kommt die aktuelle Psychologie da langsam an. Die Hauptaufgabe ist auch hier wieder Klarkommen mit sich und der Aussenwelt.

Die praktischen Fragen mal beiseite gelassen, sind Systeme faszinierend vielfältig, weil sie in vielen Aspekten variieren können. Geschlechtlich sowieso. Auch in der Orientierung. Sogar körperlich. Es gibt Berichte über Unverträglichkeiten und variable Sehstärke. Unterschiedliche Handschrift und Sprache (im Sinne von Wortwahl, Stil, Stimme, Betonung) sind häufig.

Ja, bei vielen können Traumata in der Vergangenheit gefunden werden. Aber weder sind die zwangsläufig vorhanden, noch zwangsläufig ursächlich.

Die Persönlichkeiten können sich auch „einfach so“ entwickeln. Es ist einfach etwas stärker und etwas mehr voneinander getrennt, als bei uns Monopersonen (=scheinbar nur eine Persönlichkeit). Aber wir haben auch häufig im Job, in der Familie, im Verein, im Urlaub ganz unterschiedliche Verhaltensmuster, Gefühlslagen, Auftreten usw. Viele von uns entwickeln Persönlichkeits-(An)Teile, die stark unterschiedlich und sogar widersprüchlich sind, also eigentlich schon Systeme. Nur eben nicht so ausgeprägt.

Viele von uns (Monos) reagieren reflexartig mit Anteilen, die uns gar nicht so angenehm sind, sondern Verhaltensmuster, die irgendwann mal nützlich und sinnvoll waren, heute aber eher nicht mehr. So verschieden ist das gar nicht.

Natürlich haben etliche Systeme ganz typische Probleme. Immerhin ist das eine Ein-Körper-WG, aus der eins nicht ausziehen kann. Auch eine Ein-Hirn-WG, was bedeutet, dass manchmal Persönlichkeiten nicht mitkriegen, was andere tun, denken, wollen.

Das sind aber praktische Probleme, die auch praktisch gelöst werden können. Systeme haben nicht zwangsläufig einen Leidensdruck oder wollen Teile von ihnen loswerden. Vielfach erfüllen einige auch Aufgaben, die andere oder eine „intergrierte“ Persönlichkeit nicht könnten. Oder sie bieten Empfindungen, die nur innerhalb dieser Persönlichkeit möglich sind.

Kurz: Systeme können sich als bereichert empfinden. Auch wenn es uns Monos schwer fällt, das nachzuvollziehen. Heck, ich hab schon Schwierigkeiten eine physische WG als Bereicherung zu empfinden! Aber das ist unser Problem. Nicht per se behandlungsbedürftig.


Gesamt-tl;dr: Nicht so voreilig mit Diagnosen und Behandlungsbedarf. Nicht so übergriffig mit Ratschlägen und Meinungen. Auch wenn die eigenen Erlebnisse belasten und eins andere schützen und bewahren möchte. Die meisten Menschen wissen, was sie wollen und brauchen. Und wenn nicht, dann sind sie in der Regel auf der Suche und brauchen keine Bevormundung. Die meisten Probleme sind nicht so dramatisch, wie sie aussehen. Und die meisten Lösungen sind nicht so einfach, wie sie scheinen.


(1) Disclaimer: Meine Erfahrung beruht auf Beratung und Moderation, die ich in mehreren SHG für trans und nichtbinäre Menschen mache, ausserdem in Online-Selbsthilfeforen. Ich habe etliche Menschen in der Transition begleitet, die von einer dreistelligen Zahl beobachtet und bin in einigen Fachgruppen zu trans Themen. Ausserdem lese ich unheimlich gerne Studien und Fachbücher zum Thema.

(2) Zwei Drittel der trans Bevölkerung sieht sich binär trans. Die meisten möchten eine HET wenigstens beginnen und dann sehen. Ein Drittel ist nichtbinär, da wird häufig sehr lange gehadert, welche Effekte eins eigentlich will und braucht und ob und wie das hormonell oder anders geht.

(3) Ich habe ein paar Konferenzen für Therapeutys erlebt, und selbst bei den speziell auf TIN* ausgerichteten war das Level der „Profis“ an Unverständnis, Vorurteilen und auf cis/bin/het basierenden Projektionen in der Regeln unglaublich fern von der Realität ihrer Klientys.

Warum Selbstbestimmung?

Hinweis: Dieser Beitrag wurde geschrieben, kurz nachdem das Bundeskabinett den Entwurf des Selbstbestimmungsgesetzes (SBGG) in Richtung Bundestag auf den Weg gebracht hat. Die Diskussionen kochen hoch, warum überhaupt Selbstbestimmung, haben Gutachten nicht doch ihre Berechtigung? Motto: Da kann ja jed*r kommen! Spoiler: Ja, aber tun nur die, die es betrifft.

Warum sind nicht nur Supportgruppen für trans Personen für eine voraussetzungsfreie geschlechtliche Selbstbestimmung, das heisst ohne Gutachten oder Fremdbeurteilung, z.B. beim Personenstandseintrag, sondern auch Fachgesellschaften, Studien, etc?

Vereinzelt plädieren doch auch trans Personen für irgendwelche Begutachtungen, also externe Validierung.

Es sprechen im wesentlichen drei Gründe gegen Begutachtungen

** 1. Sie funktionieren nicht ** Mehrheitsmeinung der psychologischen Fachgesellschaften: Es gibt keine Tests, um die geschlechtliche Identität eines Menschen zu beweisen oder zu widerlegen, einfach weil es keine objektiven Merkmale gibt. Sämtliche solche Gutachten laufen auf zwei Punkte hinaus.

Erstens den Vergleich mit geschlechtlichen Stereotypen. Entweder der begutachtenden Person selbst oder einer wie immer gearteten Liste von dritter Seite (mit der die begutachtende Person quasi die Verantwortung auslagert).

Sprich: Wie gut kann die beantragende Person die gewünschten Genderklischees glaubwürdig „vortanzen“.

Zweitens auf einen Test der Leidensfähigkeit. Wie viel Geld, Zeit, Nerven und Belastung durch Bürokratie und intime Fragen wird die Person für ein positives Gutachten in Kauf nehmen.

Gutachten sind also einerseits sexistisch und beruhen auf Vorurteilen, wie sie „eine richtige Frau“ bzw „ein richtiger Mann“ anzieht, bewegt, spricht, welche Sexualität si*er pflegt, usw. Wir wissen von Nacktbeschau, Fragen nach sexuellen Phantasien und Statements wie „wenn Sie hier kein Herrenhemd anziehen, kriegen Sie kein Gutachten“ (zu einem trans Mann in Jeans und T-Shirt).

Zum anderen sind sie eine Art numerus clausus bzw Begrenzungswerkzeug, mit dem die Zahl an Personenstandswechsel künstlich klein gehalten wird. Absichtlich nach meiner Einschätzung, denn die Dysfunktionalität ist natürlich auch behördlich lange bekannt.

Ach ja: Nichtbinäre Menschen finden seltenst Begutachtende. Erstens gibt es kaum welche, die das Thema nichtbinär überhaupt verstehen, zweitens gibt es keine Stereotypen, die vortanzbar wären.

** 2. Sie benachteiligen und belasten ** Menschen mit wenig Geld, wenig Freizeit (Arbeit, Kinder), wenig sprachlicher Gewandtheit, Problemen im Umgang mit Behörden, fragiler Psyche (zum Beispiel wegen Diskriminierungserfahrungen), falschem Wohnort (keine oder nur schlechte Begutachtende in Reichweite) und so weiter werden bei der Gutachterei erheblich benachteiligt. Gerade trans Personen und insbesondere junge ohne familiäre Unterstützung fallen häufig in mehrere dieser Kategorien. Nicht davon spricht gegen einen Personenstands- oder Vornamenwechsel.

** 3. Sie sind in der Praxis wirkungslos ** Für den Alltag, also die Begegnung mit cis Personen sind die Gutachten belanglos. Die meisten wissen nicht mal, wie ein Personenstandswechsel nach TSG abläuft. Wenn sie eine Person als „vermutlich nicht cis“ wahrnehmen, wird ihre Reaktion nicht von überstandenen Gutachten, Gerichtsentscheidungen oder Personenstandseintragungen beeinflusst. Häufig nicht mal vom vorgezeigten Ausweis – oh, kein Geschlecht eingetragen! – mit einem neuen Vornamen. Entscheidend ist ihr optischer Eindruck und ihre spontane Haltung gegenüber trans Personen.

Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass insbesondere trans Personen mit einer langen Geschichte von Selbst- und_oder Fremdablehnung, Zweifeln und Leidensweg aus den Gutachten eine immense Bestätigung, Validierung und Genugtuung ziehen. Diese Empfindungen will ich keinesfalls abwerten. Das Problem ist mehr, dass sowohl diese Gefühle, aber auch die Gutachterei auf der Vorstellung einer objektiv feststellbaren Geschlechtsidentität beruhen, die es einfach nicht gibt. Diese Idee erzeugt erst unsere Probleme, schickt uns über willkürliche und unsinnige Hürden, um dann eine völlig unnötige Erleichterung zu erzeugen. All das entfällt mit der Selbstbestimmung einfach.

Für die Selbstbestimmung hingegen sprechen:

** 1. Sie depathologisiert ** Keine Psychiater, keine Tests = Offiziell keine Störung, keine Krankheit, keine Anormalität, sondern einfach die persönliche Erkenntnis, in ein anderes Team zu gehören und entsprechend zu leben. Das machen wir uns ja auch nicht leicht, wegen der zu erwartenden Konsequenzen, also unseren Mitmenschen.

** 2. Sie löst die geschlechtliche Identität endgültig von Körper und Aussehen ** Das Verfassungsgericht hat in mehreren Entscheiden und Bemerkungen erklärt, dass der staatliche Geschlechtseintrag nichts mit Körper oder Aussehen zu tun haben darf, sondern maximal die im Alltag gelebte Rolle abbilden darf – und dass der Staat prinzipiell auch auf den Eintrag ganz verzichten könnte. Da, siehe oben, weder Psychogutachten, noch medizinische Beschau die Identität feststellen können, bleibt die Selbstaussage als einzige Möglichkeit übrig.

** 3. Sie beseitigt offiziell und explizit die Fiktion einer objektiven Geschlechtsidentität ** und
** 4. Sie gibt der Selbstaussage einer Person Priorität ** Das klingt vielleicht etwas esoterisch, ist aber ein riesiger Hammer. Eine Revolution und eine Mega-Aufgabe für uns alle. Der Staat erklärt, dass er nur noch einen frei wählbaren Eintrag hat, der ungefähr so wirkmächtig wie der Religionseintrag ist. Der gilt nur noch für ein paar übrig gebliebene Gesetze, aber ausdrücklich nicht im Alltag. Im nichtstaatlichen Bereich darf nicht nach Geschlecht diskriminiert werden (AGG, GG, etc). Auch nicht wegen trans. Jede Person hat das Recht, gemäss ihrer selbstbestimmten Identität respektiert zu werden; der Staat hält sich aus der Feststellung völlig raus. Wow.

Übersetzt heisst das: Handelt das irgendwie anders untereinander aus, aber respektvoll, fair, ohne Diskriminierung und – meine Lesart – nach Selbstzuordnung der Personen (weil: BVerfG).

Die Mega-Aufgabe ist die Aushandlung, wie wir in Zukunft mit nach Geschlecht aufgeteilten Situationen, Räumen, Veranstaltungen umgehen. Und untereinander generell. Können, wollen, dürfen wir diese dauernde Fremdzuschreibung aufrecht erhalten, von der Backtheke bis zur legendären Frauensauna? Wo ist die Grenze, bis zu der andere uns unsere Identität absprechen dürfen, bzw ihre eigene Ansicht über unsere Ansage stellen dürfen, wenn keine offizielle Feststellung mehr existiert und die auch nie irgendwie objektiv war?

Das wird sehr spannend und auch sehr kontrovers werden. Ist aber dringend notwendig. Ebenso wie die Selbstbestimmung über Registereintrag und Vornamen.

Selbstbestimmungsgesetz: „im übrigen ändert sich nichts“

Der am Donnerstag, 27.4. geleakte(1) Entwurf zum Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) erzeugt viel Wut in der trans/nb Community. So wie ich das sehe hauptsächlich, weil jenseits des Offenbarungsverbots keine Schutzwirkung des Eintrags erklärt wird.

Zusammengefasst stehen auf den 68 Seiten nur:

  • Alle können ihren Eintrag ändern (und Vornamen, mit Fristen, usw)
  • Anspruch auf die Änderung alter Dokumente
  • Zwang-Outing kostet ggf Bußgeld

Das ist alles. Der Rest sind rechtliche Klarstellungen des Status Quo, also wie er aktuell ist! Keine Neuregelungen, keine Besser- oder Schlechterstellung von Personen durch Änderung des Eintrags oder eine bestimmte der vier Optionen.

Dies ist aus meiner Sicht ebenso genial wie gemein. Gemein, weil die Änderung eben nicht bewirkt, dass andere das eingetragene Geschlecht (ggf straf/bußbewehrt) respektieren müssen. Genial, weil damit auch keine Angriffsfläche geboten wird. (Ja, das ist ein Einknicken vor der anti-trans Lobby. Der gesellschaftlichen Realität der anti-trans-Lobby)

Der große Hammer ist für mich §6 (Wirkungen) und dessen Begründung (S.42ff), in denen explizit drin steht, was vielen gender-binären trans Personen und wohl 100% der cis Personen bisher offenbar nicht klar war:

*Der Geschlechtseintrag im Personenstandsregister ist in der alltäglichen Praxis quasi wirkungslos.*

Wörtlich: In „Lebenssituationen […], in denen das im Personenstandsregister eingetragene Geschlecht weder bisher noch künftig entscheidend ist“. Das gilt bei allen, insbesonders privaten Dingen, Geschäften und Begegnungen, wo aus gesetzgeberischer Sicht der Personenstandseintrag nicht das verpflichtende Kriterium ist. *Selbst wenn es um geschlechtsdifferenzierte Dinge geht!* – wie bei zweigegenderten Räumen, Sport, Medizin, Anrede an der Backtheke.

Bedeutung hat er nur für direkte staatliche Leistungen und Handlungen. Quoten zwecks Gleichstellung, Rente, Wehrdienst, Justizvollzug.

Das ist aus zwei Gründen super krass. Zum einen steht dieses Rechtsverständnis der Bedeutung(slosigkeit) explizit in einer Gesetzesbegründung und ist damit quasi amtlich. Zum anderen gilt das nicht nur für Menschen mit geändertem Eintrag, sondern für alle. Cis, trans, genderdivers, alle.

In der Praxis wird Geschlecht durch die Deutung per Augenschein der Person gegenüber zugeschrieben. Immer. Wer nicht zufällig/absichtlich die Geburtsurkunde dabei hat (wie ich), hat keine Möglichkeit, den Personenstandseintrag nachzuweisen und, wie im Entwurf zwischen den Zeilen formuliert: Es macht erst mal keinen Unterschied.

Wenn die relevante Person gegenüber Deine Ansage nicht respektiert, hast Du keine Handhabe.

Das war bis jetzt so, das wird sich durch das SBGG nicht ändern, das müssen wir Stück für Stück in allen Bereichen durch Aktivismus und Diskussion angehen.

Die drei Seiten zu §6 machen da viele lange überfällige Fässer mit Themen auf.

Willkommen in meiner Enby-Alltags-Wirklichkeit.

Eine vielleicht unbequeme persönliche Meinung: Ein SBGG mit Schutzrechten und Akzeptanzpflichten für Dritte wäre meines Erachtens nicht durch den Bundestag zu bringen. Diese Minimalversion mit dem expliziten „alles andere bleibt wie es ist“ schon. Insofern bin ich froh, wenn bald alle ihren Personenstand und die Vornamen ändern können und hoffe auf sehr viele nicht-binäre Änderungen. Egal ob „divers“ oder Streichung.

(1) https://drop.allegutendinge.jetzt/

„Seid doch mal entspannter“

Sinans Woche brachte am 15.7. einen Youtube-Beitrag, in dem Sinan sinngemäß meinte, „wir“ (LGBTQIA+) sollten doch mal etwas entspannter sein, weil „wir“, bzw unsere Probleme, der Mehrheit doch ziemlich egal seien.

Ausserdem wähnte Sinan, dass Menschen, die Neopronomen benutzen, keine oder mehrere, sich ihrer selbst und ihrer Rolle nicht wirklich sicher seien.

Untertitel so ungefähr, die Hitze und Häufigkeit der Debatte seien ermüdend.

Ja nun…

Also abgesehen davon, dass das „der Mehrheit egal“ einigermassen stimmt, liegt Sinan reichlich falsch.

Was „den meisten Menschen“, also vor allem cis (het-bin-dya-mono-…) vermutlich nicht klar ist: Der Stress, sich als queere Person mit der nicht-queeren Mehrheit anzulegen, ist für viele von uns das kleinere Übel. Nämlich zur Alternative, im Mehrheits-System mitzuspielen.

Wenn wir nichts sagen, behandeln sie uns so, wie sie uns deuten, statt so wie es für uns leidensarm und richtig ist.

Ich bin mir meiner selbst – nonbinär, trans – sehr sicher. Vor allem, dass ich eben nicht „als Mann“ oder „als Frau“ gedeutet und dann wahlweise wie eine*r behandelt werden will, weil ich das nicht andauernd aushalte.

Das _muss_ ich immer wieder kommunizieren. Dazu _brauche_ ich Pronomen und andere Hilfsmittel wie Sternchen, sonst bleibe ich unsichtbar, werde nicht mitgedacht, was den Stress für mich wieder erhöht.

Die Vielzahl an Pronomen, die trans und nonbinäre Menschen verwenden ist ein Problem der binär durchgenderten deutschen Sprache, wo sogar der Apfel und die Birne vergeschlechtlicht werden, vor allem aber Menschen. Es gibt keine neutralen Formen, deshalb experimentieren wir.

Das heisst nicht, dass wir uns nicht sicher wären, sondern im Gegenteil, dass die Sprache für uns noch unzureichend ist. Schweden hat das „hen“ eingeführt, im englischen ist singular they/them inzwischen gebräuchlich.

Also: „Seid mal etwas entspannter“, so kam es jedenfalls rüber, ist ein hohler Rat.

Solange unsere Existenz in Frage gestellt und unsere Bedürfnisse derart ignoriert und wir effektiv durch Gewalt bedroht werden, sind wir so entspannt, wie es nur geht. Wenn „ihr“ uns einfach akzeptiert und wir uns den geringen Aufwand teilen, kommen wir prima klar und können uns den gemeinsamen Problemen widmen. Auch denen der Geschlechterungerechtigkeit.

Wenn IT Namensfelder ganz perfekt richtig machen will…

Das Webportal meiner Versicherung war doch sperrig, weil es meine Daten für „fehlerhaft“ hielt – weil ich in deren DB ohne Anrede bin. (Ja, ich bin deshalb tatsächlich über sechs Monate nicht an meine Daten gekommen. Hat deren IT mir bestätigt.)

Sie haben es geändert! Alles geht.

Aber das Formular für Namensänderung ist eine IT-Perle!

Bild 1: So sieht’s aus.

Ein Eingabeformular für Name und Geburtsdatum. 

Zusaätzlich zu Vorname und Nachname können "Titel", "Vorsatz" und "Nachsatz" aus Drop-Down-Listen ausgewählt werden.

Die Auswahllisten (Inhalte in Bild 2) sind lang, aber sicher nicht vollständig.

Was fällt auf? Die Anrede, die Ursache des Problems, ist raus. Weg. Gibt’s nicht mehr. Braucht offenbar keinein ?.

Aber die Listen für „Titel“, „Vorsatz“ und „Nachsatz sind bemerkenswert. Kein Scherz.

Die Liste "Titel" beinhaltet 112 Einträge.
Die Liste "Vorsatz" 67.
Die Liste "Nachsatz" 6.

Titel sind u.a. Prinz, Vikar, Dekan, Dr. Dr. Dr., aber zum Beispiel nicht "Dipl-Inform"

Vorsatz sind z.B. von, zu, de la, auf dem.

Nachsatz sind römisch 1 bis 3, jun und sen.

„Aber jetzt ist es bestimmt perfekt für alle“ – Nope. Mal abgesehen davon, dass der Vorname nicht änderbar ist, der Nachname schon (das mit dem Heiraten kennen die meisten, Vornamensänderungen offenbar – noch – nicht).

Die Listen sind bei weitem nicht vollständig, der Ärger bei fehlendem „Dipl.Inform“ oder ähnlichem sicher.

Ich empfehle deshalb „Falsehoods, programmers believe about names“ … und Freitextfelder.

Artikel zum „abgesagten Vortrag“ an der Humboldt-Uni

Es geht um den Vortrag einer Biologie-Doktorantin (V.) der Humboldt-Uni zur „Langen Nacht der Wissenschaften“. Diese Person hat sich in der Vergangenheit u.a. auf Twitter durch trans-feindliche und TERFige Statements hervorgetan. Da ihr Vortrag mit dem Titel

Stichtag ist der 30. Juni 2022, an dem der arbeitskreis kritischer jurist*innen an der Humboldt-Uni den Protestaufruf veröffentlichte und die HU daraufhin aufgrund von „Sicherheitsbedenken“ den Vortrag absagte. Der akj veröffentlichte am 4. Juli 2022 ein ergänzendes Statement.

Wichtig bei den Artikeln ist auch das Datum der Veröffentlichung, weil Protest gegen V.’s Transfeindlichkeit und ihre Hetze, Stalking, Doxxing gegen einzelne pro trans Personen schon lange existierte. Es ist daher seltsam, dass V.s Vortrag offenbar ungeprüft ins Programm kommen konnte.

Stellt sich raus: Der Vortrag war ziemlich sicher als Provokation gedacht, der Protest einkalkuliert. Es ging nie um Wissenschaft. Das ist immer nur der Aufhänger, um rechte, „naturalistische“ Weltbilder zu pseudo-legitimieren. Pseudo, weil die Wissenschaften allesamt viel weiter sind. Interessant auch, dass diese Weltbilder allesamt anti-feministisch sind, was TERFs anscheinend nicht zu stören scheint.

Einordnung der Person, ihres Vortrags und ihrer anti-trans aktivistischen Tätigkeit vor dem 1. Juli

Belltower.news, Sofie Heiberger, 22-05-30: „Natürlich antifeministisch: Argumente gegen die Aussagen von Biologist:innen

Belltower.news, Kira Ayyadi, 22-06-02: „Rechtsalternativer Hass: Neuer gemeinsamer Nenner? Hass auf trans Frauen

Reaktionen nach dem Aufruhr

Berliner Zeitung, Kommentar von Susanne Lenz, 22-07-03: „Vortrag über Geschlecht und Gender abgesagt: Cancel Culture an der Humboldt-Uni“ – Lenz relativiert V. und will explizit nicht inhaltlich auf die Debatte um V eingehen, meint aber zum Thema trans, das bei V ja angeblich gar nicht vorkommen sollte, im letzten Absatz, dass ja noch nicht alles gesagt sei; völlig verkennend, dass es um Hass, Hetze und Menschenfeindlichkeit geht. Siehe unten auch das Interview von Lenz mit Krahe.

Berliner Zeitung, Sonja Dolinsek, 22-07-04: „Anti-Gender-Vortrag an der HU Berlin: Von Cancel Culture kann keine Rede sein

Frankfurter Rundschau, Katja Thorwarth, 22-07-05: „Vortrag von Biologin abgesagt: „Personen wie Vollbrecht geht es nie um biologische Zweigeschlechtlichkeit“

Berliner Zeitung, 22-07-05: „Sexualwissenschaftler zur HU: „Gibt so viele Geschlechter, wie es Menschen gibt““ – Nein, in der menschlichen Biologie gibt es nicht nur zwei Geschlechter und Biologie greift zu kurz.

Berliner Zeitung, Franca Parianen, 22-07-05: „Neurowissenschaftlerin zur HU: Das ist keine Cancel Culture, sondern Fortschritt

infranken.de, Io Görz, 22-07-06: „Humboldt-Universität: Transfeindlicher Vortrag wird nachgeholt – wie war das mit Cancel Culture?

Belltower.news, Sascha Krahnke, 22-07-06: „Transfeindlichkeit: Wie ein abgesagter Vortrag transfeindliche Feminist*innen und Rechtsaußen zusammenbringt

Spiegel, Sascha Lobo, 22-07-06: „Geschlechterdebatte Wie gut finden Sie Zwangssterilisation?“ – Trans existiert, get used to it.

Die Zeit, Dr. Maria Mast & Lena Völkening, 22-07-07: „Debatte um Zweigeschlechtlichkeit: Mädchen oder Junge?“ – Nicht sehr ergiebig, gemässigte Aufklärung aber kein Lösungsansatz.

Tagesspiegel, Tilmann Warnecke, 22-07-08: „Ministerin kommt zur Vollbrecht-Nachholveranstaltung an HU Berlin; Genderfragen, Penis-Tweets und elektrische Fische

Berliner Zeitung, Susanne Lenz interviewt Rüdiger Krahe, Doktorvater von Vollbrecht, 22-07-06: „HU-Biologe: „Der Streit um Zweigeschlechtlichkeit ist so unnötig wie ein Kropf“ – entweder Scheuklappigkeit oder absichtliche Pseudo-Naivität bei Krahe. Bei Lenz vermute ich Absicht wg des Artikels vom 3.7.

Warum?

Erstens besteht Die Biologie nicht nur aus der Zeugung, sondern erforscht auch die Entwicklung aller (drei) beteiligten Individuum und ihre mögliche Variantenbreite. Und da gibt es eben ein breites Spektrum mehrdimensionaler Vielfalt. Inklusive Individuen, die weder Spermien noch Eizellen produzieren, wo die Einteilung schon wieder schwammig wird und ein Rückzugsgefecht auf potenzielle Zeugung beginnt, um sie irgendwie zweizuteilen.

Zweitens wollen V. und ihre Genossys eben nicht bei der reinen Zeugung bleiben, sondern das Modell reiner, eindeutiger Zweigeschlechtlichkeit von der Zellebene bis auf die gesellschaftliche Ebene – Gender – heben und generalisieren. Nennt sich Biologismus. Natürlich benutzen sie absichtlich den mehrdeutigen Begriff Geschlecht. Selbst wenn V. es in dem Welt-Artikel abwiegelt.

Ehrlicherweise und auf der Höhe der Erkenntnisse hätte Krahe wohl eher sagen müssen: „Auf der reinen Zellebene beobachten wir bei Menschen zweigeschlechtliche Zeugung. Daraus lässt sich allerdings nicht auf weiteres schliessen, weder auf die Eltern-Individuen, noch auf das Kind und schon gar nicht auf die gesellschaftliche Interpretation von Körper als Geschlecht“ – und dann in der Fachsprache tunlichst Begriffe vermeiden, die in der Alltagssprache mehrdeutig sind.

Dies alles unterschlägt Krahe. Kann Fachblindheit sein, kann Einverständnis mit V.’s TERF-Agenda sein. Müsste eins recherchieren.

Ältere und andere Texte zum Thema „Wissenschaftsfreiheit? Meinungsfreiheit?“

Schon 21-12-06: Forschung und Lehre, Christian von Coelln: „Wissenschaftsfreiheit: Beschneidet die „Cancel Culture“ die Freiheit der Wissenschaft?

Spiegel, Tanya Falenczyk, 22-07-02: „»Cancel Culture« Ja, wir Jungen wollen nichts Falsches mehr sagen – und das ist auch gut so“ – Reaktion auf einen Vorwurf von Thomas Gottschalk

Seriöse Wissenschaft zum Thema

(2008) „Report of Fertility in a Woman with a Predominantly 46,XY Karyotype in a Family with Multiple Disorders of Sexual Development“ – Genetisch männliche Mütter und weitere Vielfalt in einer Familie

(2014) „Sex Determination: Why So Many Ways of Doing It?“ (Bachtrog D, Mank JE, Peichel CL, Kirkpatrick M, Otto SP, et al. (2014) Sex Determination: Why So Many Ways of Doing It? PLoS Biol 12(7): e1001899. doi:10.1371/journal.pbio.1001899)

(2010) Heinz-Jürgen Voss: „Making Sex Revisited, Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“ – ein ganzes Buch zum Thema. Historisch und aktuell. Von Voss gibt es auch eine Literaturliste zum Stand der Forschung (Stand 2018).

(2015) Nature, Claire Ainsworth: „Sex redefined, The idea of two sexes is simplistic“ – wunderbare Beispiele an körperlicher Vielfalt. Deutsche Übersetzung: Link, PDF.

(2021) Forrest Valkai (engl) 30minütiger Science Talk auf Youtube, wie komplex „Sex“ (=“biologisches Geschlecht“) bereits auf der genetischen Ebene ist, warum ein einzelner binärer Marker dafür unzureichend ist und ein kleiner Ausflug zu möglichen biologischen Faktoren für Gender.

22-07-08 Heinz-Jürgen Voss: „Die vielen Geschlechter der Biologie – Vortrag und Diskussion zur Debatte an der Humboldt-Universität zu Berlin„. Aufzeichnung auf Youtube, einführende Literaturliste.

Die Ursache

Der Vortrag bei Youtube, gehalten am gleichen Tag im Kanal einer österreichischen TERF – banale 9te Klasse Biologie, die etliches auslässt, sich inhaltlich widerspricht und letztlich den Begriff „Geschlecht“ als Eigentum ihrer Simpel-Biologie claimen will.

Die Zeit, Marie Vollbrecht, 22-07-06: „Humboldt-Universität: Der Vortrag, den ich nicht halten konnte“ – Eine weichgespülte Rechtfertigung, die natürlich ihre anti-trans Agitation auf Twitter und anderswo auslässt. Siehe die Artikel bei Belltower et.al, um das einzuordnen.

Was nach Vornamen & Personenstand zu ändern ist

Eine wahrscheinlich unvollständige Liste. Hinweise gerne an jaddy(at)enby-box.de.

Wenn nur der Personenstandseintrag (Gender, m/w/d/_) geändert wurde, entfallen viele Änderungen, weil der amtliche Geschlechtseintrag keine Rolle spielt. Da aber meist eine Anrede gespeichert wurde, sollte die Stelle informiert werden. Das ist in der Regel formlos möglich, aber häufig nicht sofort erfolgreich.

Die mit „(*)“ markierten Dokumente/Stellen müssen auf jeden Fall angepasst werden, auch wenn nur der Personenstand geändert wurde.

Bei Papierakten zB in ärztlichen Praxen sollte der alte Name/Personenstand nicht durchscheinen, wenn eins nicht dadurch geoutet werden möchte. Einfaches Durchstreichen würde also nicht ausreichen.

1. amtliche Dokumente

  • Personalausweis & Meldebehörde
  • Reisepass(*)
  • Führerschein
  • Kfz-Briefe. Auch Anhänger, Motorräder, Wohnwagen. Der Schein wird dann auch geändert (Achtung bei neueren Autos die kurz vor dem Verkauf stehen – Wertminderung durch zu viele Vorbesitzer)
  • Kraftfahrtbundesamt in Flensburg: Daten kontrollieren weil dort schon mal ein Fehler passiert
  • Grundbuch bei Eigentum von Wohnung, Haus oder Grundstück
  • Wehrdienstzeitbescheinigung
  • Testamente, sowohl eigene, als auch die in denen eins steht
  • Eintragungen im Handelsregister

2. Unterlagen bei Steuer & Sozialversicherungen

  • Finanzamt
  • Steuerkarte/-nummer
  • Sozialversicherungsnummer(*) (nur beim Wechsel von w zu d oder _ bleibt die Nummer gleich)
  • Rentennachweise
  • bei Minderjährigen: Meldung an die Familienkasse wegen Kindergeld

3. Bankdaten

  • Bankkonten
  • Paypal (Achtung, da gab es schon viele Probleme)
  • EC-Karte/Kundenkarte
  • Kreditkarten
  • Sparbuch, Depots
  • Kredite
  • Einzugsermächtigungen
  • Daueraufträge
  • Schufa, Creditreform

4. Gesundheitssystem

  • Krankenkasse(*) da gibt es eine neue Karte. Rechtzeitig neues Foto hinschicken oder Karte ohne Bild fordern.
  • Ärztliche Praxen (mit neuer Krankenkassenkarte)
  • Impfpässe und Zertifikate
  • Patient*inverfügungen
  • Vollmachten für Pflege etc.
  • Schwerbehindertenausweise u.ä.

5. Arbeitswelt

  • Personalabteilung informieren, auch wegen Finanzamt
  • Arbeitsvertrag
  • Mailadresse, Firmeneinträge, Profile
  • Zugangskarten, ggf Schul- und_oder Studierendenausweis
  • Zeugnisse und Zertifikate, auch ältere, siehe unten
  • Gewerkschaftsmitgliedschaft
  • Berufsverbände
  • Online-Profile (Xing, Linkedin, …)

5. Kundenkarten / Mitgliedsausweis / Bonuskarten

Jegliche Art von Verträgen wie:

  • Versicherungen: Privat, Haus/Wohnung, Kfz (alle! S. Kfz-Briefe)
  • Arbeitsvertrag
  • Gesellschaftsvertrag
  • Mietvertrag
  • Hausverwaltung
  • Strom
  • Heizung Gas/Öl
  • Wasser
  • Entsorgungsbetriebe (Müll)
  • Schornsteinreinigung
  • Telefon und Internet, Festnetz, DSL, Mobil
  • Post- und Paketdienst-Ablageerlaubnisse, Paketstation
  • E-Mail Adresse(n)
  • Online-Konten… (Google, Amazon, Apple, Netflix, ebay, …)
  • Kabelfernsehen, GEZ
  • Abonnements, Zeitschriften
  • Vereinsmitgliedschaften, Automobilclub
  • Bahn-Account, ÖPNV, …

6. Zeugnisse und Zertifikate

  • Schul- & Universitätszeugnisse und Abschlüsse
  • Ausbildungsnachweise, Berufsschule
  • Facharbeity-, Gesell:innen- und Meister:inbriefe
  • Arbeitszeugnisse, Zertifikate, Schulungsnachweise
  • Weiterbildungen, Punktekonten

Bad Science: Der „trans-Klassifikator“

Aus der Rubrik „american scientists have found out“: „Brain Sex in Transgender Women Is Shifted towards Gender Identity„. Übersetzt: „Das Gehirngeschlecht(1) von trans Frauen tendiert eher zu ihrer Geschlechtsidentität“.

Ach du große Neune! Das Ding qualifiziert sich nicht nur als bad science, sondern meiner Ansicht nach deshalb auch als extremely dangerous science.

Um’s mal kurz zu fassen: Wenn ich das richtig gelesen habe, haben sie ein neuronales Netz, also das was landläufig als „KI“ bzw „machine learning“ bezeichnet wird, mit MRI-Bildern(!) aus einem offenen Datensatz (also von extern) von 242 cis Männern und 305 cis Frauen trainiert, so dass es anhand der Bilder das parallel dazu trainierte Geschlecht ausgeben konnte.

Das ist noch keine Kunst, denn auf welche Merkmale das Netz anspringt ist nicht klar(2). D.h. es ist ganz wichtig zu wissen, dass dieses Netz nicht „das Geschlecht“ erkennt, sondern nur, ob es zu einem Bild mal gelernt hat, was es dazu antworten soll. Die Antworten sind auch quasi nie 100%ig, sondern Schätzwerte („zu 80% sicher, dass die gewünschte Antwort ‚weiblich‘ sein könnte“).

Danach haben sie MRI-Bilder von je 24 cis Männern, cis Frauen und trans Frauen gemacht und dem Netz vorgelegt. OK. Das Netz „klassifizierte“ dann laut Aussage im Artikel die „trans Bilder“ als „leicht verschoben in Richtung weiblich“. D.h. die Schätzwerte, s.o., lieferten eine solche Tendenz.

Daraus lässt sich aber nicht die Aussage im Titel des Papers ableiten!

Erst mal der gesammelte methodische Unfug:

  • 24 ist keine hinreichende sample size.
  • Es ist nicht klar, was genau das Netz eigentlich als „male“ oder „female“ einordnet.
  • Die Streuung und die Überlappung der samples ist riesig.
  • Es ist nicht mal klar, was genau die Bilder eigentlich zeigen. Offenbar sind es statische Aufnahmen von Hirnstruktur, keine funktionale Dynamik.

Dann der neurologische Unfug:

  • Die trans Frauen waren zwar vor der HET, aber sich offenbar selbst sicher in ihrer Identität, sonst hätten sie sich wohl nicht zur Teilnahme gemeldet und wären auch ausgewählt worden. D.h. sie orientieren sich im Alltag wohl eher an „weiblichen“ Stereotypen. Das bedeutet auch, dass sich ihr Hirn entsprechend anpasst(3) – an was auch immer.
  • Von den cis Trainingsdaten ist der Hintergrund unbekannt, also zB Bildung, etc. Auch nicht, ob sie sich definitiv als cis einordnen. Es könnte also gut sein, dass das Netz zum Beispiel auf minimale Unterschiede in den Alltagsbeschäftigungen reagiert, wie bei den Taxihirnen(3).

Und daraus folgt das gefährliche: Irgendein Heiopei der stable genius Klasse Korte kommt sicher auf die Idee, daraus einen generellen trans Klassifikator machen zu wollen, mit dem dann zukünftig „objektiv“ die transness gemessen wird. Dann muss der MDK nur noch in die BGA schreiben, dass ab Transfaktor 0,6 dieses übernommen wird und ab 0,8 jenes, aber wenn es bei deinem Hirn leider nur 0,5 trans oder weniger misst, bist du leider raus, du Fake.

Und das ganze durch eine minimale statistische Abweichung in einer Pixelbeurteilung, von der völlig unklar ist, was genau die eigentlich klassifiziert.

Zu trans und MRI schaut zum Beispiel mal diese beiden Videos.

MaiLab: „Weibliches vs. Männliches Gehirn“ und „Die Wissenschaft hinter Transgender„.

Die machen zusammen mit der wissenschaftlichen Diskussion (in den Links) sehr schön klar, wo allein die wissenschaftliche Problematik liegt. Naja, und die möglichen gesellschaftlichen Folgen hab ich ja beschrieben.


(1) „Gehirngeschlecht“ ist schon im Ansatz Unfug, denn was auch immer da gemessen wird, ist immer ein untrennbares Konglomerat aus Biologie, Neurologie, Psychologie und Soziologie. Die Benutzung des Gehirns verändert das Gehirn und jegliche „geschlechtlliche“ Klassifikation beruht letztlich auf soziologischen Stereotypen, die wir Geschlechtern zuordnen. D.h. wer „weiblich“ denken will, verändert das Gehirn zum „weiblichen“. Daraus ist keine Kausalität ableitbar.

(2) es gibt bei solchen ML-Sachen immer mal wieder Überraschungen. Bei Bildern als Trainingsgrundlage bspw minimale, für Menschen nicht erkennbare HIntergrundmuster oder Kennzeichen. Die „KI“ achtet nicht auf die Sachinfo, wie es ein menschliches Bewusstsein tun würde, sondern bewertet reine Pixel.

(3) MRI Scans von Taxifahrys zeigen ein „Taxifahrgehirn“. Die Leute kommen aber nicht damit auf die Welt, sondern das Hirn wird durch Übung dazu. Eine Klassifikation vorher, ob eine Person ein Taxifahrgehirn hat, wird notwendigerweise scheitern. Das wäre also ein vollkommen untauglicher Test auf Taxifahr-Eignung, genauso wie ein MRI-Bild ein untauglicher Test auf „transness“ ist. Mit oder ohne „KI“.